„Ghost“ (Foto: Morris Mac Matzen / Stage Entertainment)
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Starke Hauptdarsteller: „Ghost“ in Hamburg

Ein karges Loft. Betonwände und -säulen. Grau in Grau. Das kalte unpersönliche Bühnenbild von Hans Kudlich macht es nicht einfach, darin mit dem Musical „Ghost“ eine emotionale Liebesgeschichte zu erzählen. Und dennoch wohnt der Aufführung im Operettenhaus Hamburg ein Zauber inne, was vor allem an dem starken Hauptdarstellerpaar liegt: Riccardo Greco als Sam und Roberta Valentini als Molly brillieren in der Inszenierung von Matthias Davids, die zuvor schon in Berlin und Linz zu sehen war.

Doch der Reihe nach. Es ist schon erstaunlich, wie lange es gedauert hat, bis sich ein großer Veranstalter in Deutschland an „Ghost“ gewagt hat. Die Originalproduktion war in London in der Anfangszeit sehr erfolgreich, am Broadway blieb der erwünschte Erfolg gänzlich aus. Eine Klonproduktion, die Stage Entertainment für die Niederlande angekündigt hatte, wurde kurzerhand abgesagt. Im März 2017 wagte sich schließlich das Landestheater im österreichischen Linz an das Werk und brachte es als Neuinszenierung in Zusammenarbeit mit Stage Entertainment auf die Bühne. Im Dezember 2017 zog die Produktion letztendlich ins Berliner Theater des Westens um und ist nun für knapp drei Monate in Hamburg zu sehen.

Wer die Londoner Originalproduktion gesehen hat, wird in der Inszenierung von Matthias Davids sicher einiges vermissen. Denn „Ghost“ hatte im West End nicht nur emotional, sondern auch technisch viel zu bieten. In Hamburg gibt es wie in Berlin und Linz keine LED-Multimedia-Wände und auch die Illusionen von Nils Bennett, um Sam als Geist durch Wände gehen oder Gegenstände fliegen zu lassen, fallen anders aus – teilweise etwas zu durchschaubar. Außerdem ist das Bühnenbild nicht so technisch, einzelne Kulissenteile werden von Darstellern geschoben. Das wirkt zwar nicht billig und ist auch vollkommen zweckdienlich, aber man merkt der Inszenierung dadurch an, dass sie nicht als Großproduktion konzipiert wurde, sondern an einem Landestheater mit wesentlich kleinerem Budget entstanden ist.

Trotzdem hat Bühnenbildner Hans Kudlich ein durchaus sehenswertes Set geschaffen. Durch die Grautöne, die Säulen und die dadurch geschaffene kalte Atmosphäre taucht der Zuschauer in eine Großstadt ein. Durch Videoanimationen und fahrbare Kulissenteile wird die Szenerie jedoch aufgelockert und aus dem Loft von Molly und Sam entsteht der Laden der Spiritistin Oda Mae Brown, eine Bank, ein Krankenhaus oder eine U-Bahn – für Letztere gibt es sogar Szenenapplaus.

Sehenswert sind außerdem die Kostüme von Leo Kulas. So tragen die meisten Geister altertümliche Kostüme, während die lebenden Protagonisten in typischer Kleidung des 21. Jahrhunderts gewandet sind. Eine Augenweide ist auch die Choreografie von Lee Proud. Zwar ist „Ghost“ kein tanzlastiges Musical, aber die wenigen Tanzszenen hat Proud wirklich mitreißend umgesetzt – ob nun die Nummer „Mehr“, wo in Büro-Outfits in der Bank mit Tablets und Smartphones getanzt wird, oder im zweiten Akt, wenn Oda Mae Brown ihr „Nur weg von hier“ träumt.

Warum das Stück aber unbedingt einen Besuch wert ist, ist die äußerst starke Besetzung, die in Hamburg auf der Bühne steht. Allen voran sind es Riccardo Greco und Roberta Valentini, die absolut perfekt miteinander harmonieren. Schauspielerisch sind beide sehr natürlich und emotional, spielen das Liebespaar absolut authentisch. So wird die Liebe zwischen Sam und Molly selbst über den Tod hinaus sicht- und fühlbar. Doch auch gesanglich ist an dem Hauptdarstellerpaar nichts auszusetzen – Greco und Valentini singen so klar, so emotional, so stark, dass ein kalter Schauer den nächsten jagt. Gänsehaut!

Der heimliche Star des Stücks ist allerdings Marion Campbell in der Rolle der Oda Mae Brown, die mit ihrem Song „Nur weg von hier“ den Showstopper des Abends liefert und mit ihrem Witz und Esprit für etliche Lacher sorgt. John Vooijs gelingt der Balanceakt, als Carl einerseits den guten Freund und andererseits einen geldgeilen Stinkstiefel darzustellen, mit Bravour.

Eher kleine Rollen spielen Rob Pelzer, Marius Bingel und Mischa Kiek. Dennoch holen sie alles aus ihren Parts heraus: Pelzer gelingt als Krankenhausgeist ein toller Auftritt mit seinem Song „Lass einfach los“, Bingel gibt einen aggressiv-verzweifelten U-Bahn-Geist und Kiek ist als Mörder Willie Lopez im Schauspiel beeindruckend. Einen ebenfalls nur sehr kurzen Auftritt hat Lanie Sumalinog als Mrs Santiago, mit dem sie allerdings einen starken Eindruck hinterlässt.

Für ein Musical bietet „Ghost“ überraschend wenige Songs, es gibt viele Dialoge. Im ersten Akt sind es neun Lieder, die Ouvertüre nicht eingerechnet, im zweiten gerade einmal sieben. Trotzdem verliert die Handlung ihren Drive und ihre Spannung nicht, was dem guten Buch von Bruce Joel Rubin zuzuschreiben ist. Das zehnköpfige Orchester unter der Leitung von Broder Kühne spielt die Musik von Dave Stewart und Glen Ballard äußerst kraftvoll und trägt die Darsteller hervorragend durch die Show. Ohnehin ist „Ghost“ musikalisch sehr abwechslungsreich – bezaubernde Duette und starke Solonummern wechseln sich mit stimmigen Ensemblenummern ab. So ist ein Besuch dieses Musicals also unbedingt Pflicht. Ansehen!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze eines Onlinemagazins. Als Regisseur verantwortete er die Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie eine Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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