„Frühlings Erwachen“, Foto: Jochen Quast
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Aufwühlend und packend: „Frühlings Erwachen“ in Hildesheim

Das ist schon ein aufwühlender und packender Stoff, den das Theater für Niedersachsen (TfN) in Hildesheim spielt: Mit „Frühlings Erwachen“ hat das Haus ein Rockmusical von Duncan Sheik (Musik) und Steven Sater (Buch) im Repertoire, das eine jugendliche Cast erfordert, während sich zwei ältere Darsteller die Rollen aller Erwachsenen teilen. Es ist ein zeitgemäßes Musical, das auf Frank Wedekinds gleichnamigen Drama basiert und dessen Storyline nichts an Aktualität verloren hat.

Das rostig-kalte Bühnenbild von Esther Bätschmann ist karg, aber absolut passend. Es besteht aus einem zweistöckigen Metallgerüst, das durch seine Spielflächen flüssige Szenenübergänge ermöglicht. Lediglich durch bewegbare Treppen, Tische und Quader werden Szenenbilder verändert. Das ist so einfach wie klasse und bietet dem Publikum viel Platz für Interpretation. Bestens unterstützt werden die Szenen durch ein stimmungsvolles Lichtdesign und die zeitgemäßen, ebenfalls von Esther Bätschmann entworfenen Kostüme, die dabei helfen, das Publikum unmissverständlich in eine vergangene Zeit mitzunehmen.

Alle Rollen wurden durch die Bank weg perfekt besetzt. Insbesondere Sandra Pangl in der Rolle der Wendla kann von Anfang an überzeugen. Sie spielt wunderbar das unschuldige Mädchen, das von der Mutter keine Antworten auf seine Fragen zur Sexualität erhält. In der beklemmend wirkenden Szene, in der Wendla mit Melchior den Geschlechtsakt vollzieht, gelingt es Pangl, sowohl die Neugierde und Lust als auch die Verzweiflung und Unwissenheit über das, was dort gerade zwischen den Jugendlichen geschieht, völlig glaubwürdig und realistisch darzustellen. Und auch gesanglich lässt sie mit ihrer glasklaren Stimme aufhorchen.

Tim Müller gibt einen aufklärerischen und fast schon revolutionären Melchior, der wie Wendla von den Erwachsenen mit seinen Fragen alleingelassen wird und sich daraufhin die Antworten selbst gibt und diese in einem Aufsatz niederschreibt. Seine Songs intoniert er mit kräftiger Stimme, und vor allem bei der Nummer „Im Arsch“ geht er völlig aus sich heraus und bringt mit seinen Mitspielern die Bühne im wahrsten Sinne des Wortes zum Beben.

Den versetzungsgefährdeten Moritz spielt Jürgen Brehm. Ihm gelingt es authentisch, den Schüler darzustellen, der sich dem Druck aus Schule und Elternhaus nicht beugen kann und aus der Verzweiflung heraus Selbstmord begeht. Auch er ist stimmlich absolut stark – genauso wie Valentina Inzko Fink als Martha und Inga Krischke als Ilse.

Mit enormer Bühnenpräsenz vermögen zudem Maurice Daniel Ernst als Otto, Robert Lankester als Hänschen, Claudio Gottschalk-Schmitt als Ernst, Nicolai Schwab als Georg, Laura Mann als Anna und Elisabeth Köstner als Thea das Publikum zu begeistern. Das hervorragende Zusammenspiel aller Mitwirkenden beweist, wie sehr „Frühlings Erwachen“ von einer homogen agierenden Cast lebt. Neben all diesen jüngeren Darstellern können auch Jens Krause und Franziska Becker bestehen, die alle erwachsenen Rollen übernehmen. Beide agieren ausdrucksstark und souverän in ihren Rollen – als Lehrer wie als Eltern.

Craig Simmons, der bereits regelmäßig als Gastregisseur am TfN tätig war und mittlerweile Direktor der TfN-Musicalcompany ist, schafft mit seiner Inszenierung von „Frühlings Erwachen“ viele intime, eindringliche, unter die Haut gehende Momente. Die einzelnen Charaktere hat er stark herausgearbeitet und lässt sie Bilder mit einer enormen Strahlkraft malen. Perfekt ergänzt werden diese Bilder durch die rockig-dynamische Choreografie von Bart de Clerq, der die Cast immer wieder geradezu ausflippen und laut auf die Bühne stampfen lässt.

Für eine musikalisch glänzende Umsetzung sorgt unter der Leitung von Andreas Unsicker eine siebenköpfige Band, die hinter dem vergitterten Bühnenbild sitzt. Die Musiker spielen kraftvoll und transportieren den größten Pluspunkt der Show in den Vordergrund – die starke Musik, eine Rock-Pop-Partitur aus der Feder von Duncan Sheik, dessen Haltung zum Musiktheater laut eigener Aussage eher abstoßend war – bis er die Musik zu „Frühlings Erwachen“ komponierte. Kein Wunder, denn dieses Stück ist wirklich ein Kleinod.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze eines Onlinemagazins. Als Regisseur verantwortete er die Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie eine Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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