„Fame“ Foto: Dennis Mundkowski
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Hunger nach Ruhm: „Fame“ in Hamburg

Vier Buchstaben, in denen – bezeichnenderweise zur selben Zeit – soviel Entbehrung und Verheißung steckt. Im Italienischen stehen sie für Hunger, im Englischen für Ruhm: „Fame“. Der Hunger nach Ruhm ist der zweifellos mächtigste Sog zur Bühne. Daher kann es keinen passenderen Stoff für die Abschlussklasse der Stage School Hamburg geben als diesen aus der Feder von Jose Fernandez (Buch), Jaques Levy (Liedtexte) und Steve Margoshes (Musik): Quasi im Zeitraffer durchläuft sie die letzten drei Jahre ihres (Zusammen-)Lebens, die eigene Ausbildung in Tanz Gesang und Schauspiel. Die lief hoffentlich größtenteils ohne die in der Filmvorlage von 1980 durch Tanzlehrerin Lydia Grant prophezeiten geschwollenen Zehen, gezerrten Sehnen und gesplitterten Schienenbeine ab. Doch Schweiß dürfte lieterweis’ geflossen sein in 36 Monaten. Bei der Premiere im Hamburger First Stage Theater kommen noch einige Liter hinzu, und die sind größtenteils den mitreißenden Choreographien von Phil Kempster geschuldet.

Überhaupt zeigt dieser Abend beispielhaft, was der Bühnennachwuchs selbst binnen kürzester Probenphase zu zeigen in der Lage ist – wenn man ihn in die Lage versetzt. Klar, der Star ist die Mannschaft, aber damit es auf der Bühne glänzt, muss die Mannschaft davor und dahinter genauso am Ball bleiben. Während in vorangegangenen Abschlussprojekten die Leistung der künstlerischen Leitung vereinzelt noch bemängelt werden musste, hat man sich für „Fame“ dazu entschieden, sie kurzerhand komplett auszuwechseln. Zweifellos richtig verdankt sich diese Entscheidung gleichwohl einer charmanten Erpressung, wie es Produzent und Schulleiter Thomas Gehle bei seiner Begrüßung allzu erschöpfend verrät: Felix Löwy übernahm Regie und Musikalische Leitung nur unter der Voraussetzung, auf ein eigenes Team zurückgreifen zu können.

Gerade einmal 28 Lenze zählt der gebürtige Stuttgarter. Und hat trotzdem bereits einen künstlerischen Lebenslauf absolviert, der gleichermaßen Marathon und Sprint ist: Kinderdarsteller u.a. in „Die Schöne und das Biest“, danach Hörspielsprecher. Erstes Dirigat mit elf. Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg. Preisträger des Sony Young Producers Awards sowie des European Toppers Awards in den Kategorien Best Sound Design und Best Orchestra. Um nur ein paar Schlaglichter zu setzen. Hast Du Töne? Ja, hat er – hier in Gestalt von James Mironchik, seinem assistierenden Musikalischen Leiter (Keyboard und Taktstock), Sebastian Rieß (Schlagzeug), Philipp Steen (Bass) und Leonard Kunstmann (Gitarre). Die vier Boys aus der Band erzeugen bei aller virtuosen Verspieltheit einen derart kompakten und satten Gesamtklang, es nimmt kaum Wunder, dass in der Pause allenthalben die „guten Playbacks“ gelobt werden.

Dieses stabile Soundbett bietet den jungen Stimmen die nötige Sicherheit. So kann Fynn Duer-Koch gleich zu Beginn mit seiner sensiblen Interpretation von „Ich will sie verzaubern“ punkten, zusätzlich veredelt durch einen magischen Regiekniff, der Duer-Kochs Darbietung wortwörtlich mit Schirm, Charme und Melone in den Schatten stellt. Marius Bingels komödiantisch-kraftvolles „Er steht mir im Weg“, Antonia Wortbergs herausforderndes „Seht sie an!“, Michaela Thurners naive Dringlichkeit in „Wir spielen Liebe“ und in „Denk an Meryl Streep“ stehen ihm in nichts nach. Die Qualität der solistischen wird von der Wucht der Ensemble-Passagen noch übertroffen, denn in puncto Mehrstimmigkeit haben Löwy und Mironchik ganze Arbeit geleistet.

Unbestreitbar hat ersterer ein feines Näschen, besser noch: den richtigen Riecher für Typecasting. Damit stellt er sich ganz in den Dienst der Debütanten; schließlich kommt es bei einem solchen Abschlussprojekt in erster Linie darauf an, dass jeder Absolvent seine individuellen Stärken präsentieren kann. So würde es etwa kaum verwundern, Lynn Duer-Koch, der den gefühlsscheuen Workaholic Nick Piazza gibt, demnächst als Alfred im „Tanz der Vampire“ auf der Bühne zu sehen. Marius Bingel, der als Sonnyboy Joe Vegas eine denkbar dankbare Rolle hat, möchte man gern ein paar mehr (Un-)Tiefen gönnen, ihn beispielsweise als Tony in der „West Side Story“ erleben. Und wie wäre es mit einer – sagen wir: Tracy Turnblad für Inga Clauß? Verdient hätte es sich die Darstellerin der Mabel Washington mit ihrer perfekten Mischung aus Spielfreude und Präzision allemal.

Was sie an Nuancenreichtum auf die Bretter schickt, würde sich ebenso für manch anderen aus der Cast schicken. Bei allem Lob nämlich bleibt ein dicker Wermutstropfen, der hierzulande indes bei weit größeren Produktionen in renommierteren Häusern vergossen und vorerst nicht versiegen wird: die stiefmütterlich behandelte Rollenarbeit. Dafür ist, zumindest in diesem Fall, kaum der Regisseur in die Pflicht zu nehmen. Wohl aber eine Schauspielausbildung, die vermutlich selbst einem Scherenschnitt noch seine Ecken und Kanten nehmen würde. Und ein Publikum, welches dies bereitwillig zu akzeptieren scheint. So kann etwa Sophie Alter als Schuldirektorin Ms. Sherman ihr strenges Bellen nicht lassen. Immerhin reißt sie auf der Zielgeraden das Steuer herum, überzeugt mit ihrer gesanglichen Darbietung in „Ich seh die Kinder“. Das ist eine Stimme, der man gerne folgt.

Folgen darf man ruhigen Gewissens auch der Einladung Thomas Gehles ins First Stage Theater – noch bis zum 14. Juli und dann noch einmal vom 20. August bis 20. September 2018 ist „Fame“ dort zu sehen. Aller guten Dinge sind drei, und so beschert der dritte Absolventen-Anlauf nach „42nd Street“ (2016) und „Chicago“ (2017) dem Haus in der Thedestraße einen qualitativen Quantensprung.

Text: Jan Hendrik Buchholz

Jan Hendrik Buchholz ist studierter Theaterwissenschaftler, Germanist sowie Publizist und lässt in verschiedenen Ensembles und als Solokünstler seit 1992 von sich hören, vorzugsweise eigenes Material. Als Rezensent schrieb er für das Onlinemagazin thatsMusical und die Fachzeitschrift "musicals". Fast zweieinhalb Jahre lang war er zudem Dramaturg sowie Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Allee Theater Hamburg.

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