„Der Ghetto Swinger“ (Foto: Tino Criso)
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Abseits vom Gleichschritt: „Der Ghetto Swinger“ in Hamburg

Gleich vorneweg: „Der Ghetto Swinger“ aus der Feder von Kai Ivo Baulitz und in der Fassung mit Musik von Gil Mehmert, der in den Hamburger Kammerspielen zur Aufführung kommt, ist kein Musical. Vielleicht ist dieser Abend nicht einmal ein Liederabend. Unbestreitbar ist er aber Musiktheater reinsten Wassers, denn das Leben von Heinz Jakob Schumann, genannt Coco, welche die Grundlage bilden, ist voll von Musik. Die Voraussetzungen hierfür sind indes alles andere als günstig.

Schumann, geboren am 14. Mai 1924 in Berlin, ist als Kind einer jüdischen Mutter und eines deutschen Konvertiten schon früh den Restriktionen des NS-Regimes unterworfen. Nicht nur seine Herkunft macht ihm das Leben schwer, sondern auch die Musik, die er spielt, der Swing, den er in sich trägt, gepaart mit einem gerüttelten Maß an liebevoller Naivität. Das heißt nicht, dass er kein Auge hat für das Unmenschliche, das ihn umgibt. Doch er versteht, und darauf weist Helen Schneider als Erzählerin ein ums andere Mal hin, nicht das Warum. Wie könnte er auch? Seine Einstellung zum Leben, zur Kunst ist eine vollkommen andere: „Wer den Swing in sich hat, kann nicht mehr im Gleichschritt marschieren.“

Es ist das größte Wunder dieser Geschichte, seiner Geschichte: Egal, wie widrig, unmenschlich, existenziell bedrohend seine Situation auch wird, in Theresienstadt, später im KZ Auschwitz-Birkenau und in Kaufering – immer wartet schon eine Gitarre auf ihn. Seine Musik rettet ihm mehr als einmal das Leben. Und dieser Umstand wird von Gil Mehmert (Inszenierung) und Jens Fischer Rodrian (musikalische Vorbereitung) sensibel herausgearbeitet.

Überhaupt sind es die kleinen Kunstgriffe bei „Der Ghetto Swinger“, die die stärksten Bilder erschaffen und haften bleiben: Wie der Hocker, der zum Briefkasten umfunktioniert wird und Mutter Schumann ein rares Lebenszeichen ihres Sohnes beschert. Und wenn das mittlere Bühnenelement, einem Eisenbahn-Waggon gleich, in den Hintergrund gezogen wird, begleitet nur von verstörenden, an harte Bremsgeräusche gemahnenden Streicher-Klängen, dann bekommt Cocos Deportation und Ankunft im KZ Auschwitz-Birkenau eine unverfälschte Eindringlichkeit, die einem schier die Kehle zuschnürt. Mit den Mitteln der Poesie das Unsagbare auf die Bühne bringen, es dabei aber nicht zu verschleiern, sondern auszustellen – auf diesen Balanceakt versteht sich Mehmert zweifellos.

Und seine Hauptdarstellerin Helen Schneider versteht sich aufs Singen. Friedrich Hollaenders „An allem sind die Juden Schuld“ interpretiert sie ebenso wie „Es gibt nur ein Berlin“ von Willi Kollo – und schlüpft dabei in mehrere Rollen: Erzählerin, Cocos Mutter und auch Chérie, eben jene französische Freundin Schumanns, die seinen Vornamen nicht fehlerfrei über die Lippen brachte und ihm deswegen seinen Spitznamen bescherte. Ihr „Einz“ nämlich macht Coco seinem eigenen Bekunden nach „ganz nervös.“ Denn: „Im Swing zählt die Zwei mehr als die Eins.“ Schneider, Jahrgang 1952, hat die Grand Dames des Musicals alle hinter sich gelassen: Evita Peron, Norma Desmond, Sally Bowles. Was nimmt es da Wunder und kann es ein schöneres Kompliment für eine Sängerin geben, wenn man ihr die „gereifte Chanteuse“ ob ihres Volumens (noch) nicht ganz abnimmt?

Kongenial unterstützt wird sie dabei von einem schauspielerisch überzeugenden Ensemble, das aber auch an den Instrumenten eine gute Figur macht. Allen voran Robin Brosch am Bass, der außerdem Cocos Vater Alfred Schumann und Kurt Gerron mimt, jenen glücklosen Regisseur, der dachte, sich und den mitwirkenden Kollegen durch einen Dokumentarfilm über Theresienstadt das Leben retten zu können. Und natürlich Coco selbst, gespielt von Konstantin Moreth, der mit großen Augen und flinken Fingern an der Gitarre zupft – meistens, so will es sein bewegtes Leben, schlechterdings um sein Leben. Ein Leben, über das Schumann einmal gesagt hat: „Wild und bunt lief es, manchmal zu lang und immer zu kurz, das Leben hat sich unglaublich böse und entsetzlich schön gezeigt. Nur eines war und ist es mit Sicherheit nicht: schrecklich.“ Treffender lässt sich auch die Aufführung von „Der Ghetto Swinger“ in den Hamburger Kammerspielen nicht beschreiben.

Text: Jan Hendrik Buchholz

Jan Hendrik Buchholz ist studierter Theaterwissenschaftler, Germanist sowie Publizist und lässt in verschiedenen Ensembles und als Solokünstler seit 1992 von sich hören, vorzugsweise eigenes Material. Als Rezensent schrieb er für das Onlinemagazin thatsMusical und die Fachzeitschrift "musicals". Fast zweieinhalb Jahre lang war er zudem Dramaturg sowie Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Allee Theater Hamburg.

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