„Daddy Langbein“ (Foto: Dominik Lapp)
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Berührend: „Daddy Langbein“ in Bielefeld

„Jerusha Abbott ist ein 18-jähriges Waisenmädchen, das im Amerika des Jahres 1912 durch einen anonymen Gönner die Chance erhält, Literatur zu studieren.“ Was wie der Anfang eines Jane-Austen-Romans klingt, ist in Wirklichkeit ein Briefroman von Jean Webster, der zu ihrem größten literarischen Erfolg wurde und Paul Gordon (Musik und Texte) und John Caird (Buch) zum Musical „Daddy Langbein“ (engl. „Daddy Long Legs“, Übersetzung für Weberknecht) inspirierte, das im Loft des Bielefelder Theaters zu sehen ist.

Regisseur Thomas Winter, der das Loft – eine kleine Spielstätte mit etwa 50 Sitzplätzen unter dem Dach des Theaters – seit 2011 leitet, beweist mit der deutschsprachigen Erstaufführung von „Daddy Langbein“ wieder einmal ein glückliches Händchen bei der Stückauswahl und Umsetzung. Wie auch schon bei „Die letzten fünf Jahre“, hat er mit seiner neuen Inszenierung ein berührend-emotionales Kammerspiel geschaffen. Und wieder einmal zeigt sich, dass im Theater weniger oft mehr ist.

So braucht es kein Bühnenbild und nur wenige Requisiten wie einen Sekretär mit Lampe und Schreibmaschine, einen Reisekoffer, Bücher und viele Briefe, um in das Amerika zu Beginn des 20. Jahrhunderts einzutauchen. Die Kostüme von Yulia Lebedeva orientieren sich an der Kleidung der englischen Upper-Class und tun ihr Übriges, um die Story visuell zu unterstützen.

Mehr braucht es für das Stück nicht, denn Jeannine Michèle Wacker und Gero Wendorff sind als Jerusha Abbott und Jervis Pendleton durch ihre enormen Bühnenpräsenzen, ihre starken Stimmen und ihr überzeugendes Schauspiel in der Lage, eine authentische, berührende und emotionale Geschichte zu erzählen.

Beide Darsteller haben ein unfassbar schweres Päckchen zu tragen, denn sie sind rund 90 Minuten ohne Pause auf der Bühne, haben sehr viel Text und spielen direkt vor den drei Zuschauerreihen. Es gibt keinen riesigen Orchestergraben, der die Künstler vom Publikum trennt, kein Orchester, das sie durch den Abend trägt, nicht einmal Mikrofone – so klein ist das Loft. Doch diese besondere, am Theater nicht alltägliche Nähe zum Publikum wissen Wacker und Wendorff sehr gut zu nutzen.

So spielen sie sich die Seele aus dem Leib, lassen ihren Emotionen freien Lauf, sind immer äußerst konzentriert, aber schaffen es trotzdem, völlig unverkrampft ihren Charakteren eine starke Kontur zu verleihen. Regisseur Thomas Winter gelingt es mit Bravour, den Fokus nicht nur auf seine beiden Darsteller zu setzen, sondern auch Bilder vor dem geistigen Auge der Zuschauer entstehen zu lassen – Bilder von Sommerferien auf dem Land, genauso wie Bilder vom Leben an Jerushas Universität.

In jeder Szene gelingt es Regisseur und Darstellern mehr, den Spannungsbogen aufzubauen, zu halten und schließlich zu einem emotionalen, sehr romantischen Finale zu bringen. Jeannine Michèle Wacker glänzt dabei zu jeder Zeit mir ihrer ausdrucksstarken Mimik, jeder Geste und ihren Emotionen, die ihr zum Schluss die Tränen in die Augen treiben. Sie verleiht ihrer Jerusha jugendlich-unbeschwerte, liebenswürdige, aber auch selbstbewusste und niemals naive Charakterzüge.

Ein starkes Pendant bildet Gero Wendorff, der als Jervis Pendleton nicht nur Jerushas heimlicher Gönner ist, sondern sich durch ihre Briefe, die sie ihm monatlich schreiben muss, immer mehr in sie verliebt und letztendlich ihrer Charmeoffensive unterliegt. Seinen Charakter weiß Wendorff exzellent zu entwickeln und mit klangschöner Stimme zu intonieren.

Als wahrer Fels in der Brandung erweist sich William Ward Murta am Flügel, der so leidenschaftlich und perfekt spielt, dass man eine größere Instrumentalbesetzung – normalerweise wurde das Stück nämlich für Klavier, Gitarre und Cello geschrieben – zu keiner Zeit vermisst. Lyrisch-einschmeichelnd und flüssig spielt Murta die Musik von Paul Gordon, die zwar keine großen Höhepunkte bietet, aber dafür vollkommen der Charakterentwicklung und dem Erzählfluss der Geschichte dient.

Weil auch Regisseur Thomas Winter auf einen flotten Erzählfluss ohne Längen setzt, bietet sich dem Publikum nicht wirklich die Möglichkeit für Szenenapplaus. Umso stärker entlädt sich bei den Zuschauern in der besuchten Vorstellung die aufgestaute Begeisterung nach der letzten Szene. Kein Wunder, denn „Daddy Langbein“ bietet beste Unterhaltung auf höchstem Niveau.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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