„Carrie“ (Foto: Dominik Lapp)
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Extrem stark: „Carrie“ in Hamburg

Hamburg hat ein neues, extrem starkes Musical. Dass es sich bei „Carrie“ aber um einen der größten Broadway-Flops der Geschichte handelt, verwundert schon sehr. Am Great White Way wurde das Stück nämlich bereits fünf Tage nach der Uraufführung abgesetzt, vor einigen Jahren aber noch einmal grundlegend überarbeitet. Das Musical von Michael Gore (Musik), Dean Pitchford (Text) und Lawrence D. Cohen (Buch), das auf dem gleichnamigen Buch von Stephen King basiert, hat jedenfalls alles, was ein gutes Musical braucht – eine interessante Story, großartige Musik und ein zeitloses Thema.

Wer aufgrund der Plakate und der literarischen Vorlage fürchtet, einen Horrorschocker geboten zu bekommen, kann aber beruhigt werden: „Carrie“ ist definitiv keine Horrorgeschichte. Schon das Publikum der deutschsprachigen Erstaufführung des Musicals im Jahr 2014 konnte feststellen, dass das Stück eine aktuelle und berührende Story erzählt, in deren Mittelpunkt Carrie White steht, die von ihren Mitschülern ausgegrenzt, gedemütigt und gemobbt und von der Mutter streng erzogen wird.

Vor allem wird bei dem Stück aber schnell deutlich, dass es neben „Frühlings Erwachen“ das geradezu perfekte Musical ist, das von den Schülern oder frischen Absolventen einer Musicalschule umgesetzt werden sollte. Schließlich sind, abgesehen von zwei Lehrern und Carries Mutter Margaret, alle Charaktere in dem Stück noch Schüler. Die Hamburger Stage School hat damit alles richtig gemacht, dieses Stück auszuwählen und die Rollen – mit Ausnahme von Maya Hakvoort als Margaret White – mit ihren frisch gebackenen Absolventen zu besetzen.

Carrie White, die über telekinetische Fähigkeiten verfügt, ist eine große und sehr schwierige Rolle, die Lorena Dehmelt bestens anzulegen weiß. Dehmelt entwickelt ihre Carrie sehr überzeugen vom bibeltreuen, schüchternen Mädchen, das von der Mutter unterdrückt wird, hin zu einer lebensfrohen und emanzipierten jungen Frau. Auch ihre anspruchsvollen Songs meistert sie mit Bravour und begeistert in den Höhen mit glasklarer Stimme sowie sehr schön ausgehaltenen Schlusstönen.

Das Zusammenspiel mit Maya Hakvoort als Mutter gelingt Lorena Dehmelt ebenfalls perfekt. Beide Darstellerinnen sind exzellent aufeinander eingespielt und visualisieren die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung überzeugend. Dabei legt die schauspielerisch wie gesanglich extrem starke Maya Hakvoort ihre Rolle als streng gläubige und kaltherzige Mutter an, die ihrer Tochter einerseits den Teufel austreiben will und ihrem Kind dennoch Liebe schenkt. Diese innige Hassliebe zwischen Mutter und Tochter ist einer der Höhepunkte der Inszenierung von Felix Löwy.

Die Handlung wird immer wieder plötzlich und effektvoll durch Ausschnitte einer Anhörung unterbrochen. Sue Snell, dargestellt von Larissa Pyne, steht oder sitzt dabei im gleißend weißen Licht und muss Fragen zu einer ereignisreichen Nacht und Carrie White beantworten. Pynes schauspielerische Interpretation der Sue ist genauso mitreißend wie berührend, gesanglich gefällt sie mir ihrer gefühlvollen Stimme und harmoniert dabei wunderbar mit Tim Taucher, der einen smarten und mit wohlklingender Stimme singenden Thommy Ross gibt.

Eine großartige Leistung bringen zudem Alexandra Nikolina als Chris Hargensen und Nils Marckwardt als Billy Nolan, die ein starkes Antagonisten-Paar abgeben. Marckwardt gibt Billy als Obermacho der Schule, dem es zusehends Spaß macht, Carrie fertig zu machen. Nikolina hingegen gibt Chris als aufmüpfige, sich selbst überschätzende Schnepfe mit großer Klappe. In der Darstellung ihrer geradezu widerlichen Charaktere laufen beide Darsteller zur Höchstform auf und begeistern schauspielerisch wie gesanglich.

Mit ihrer wunderbaren Stimme lässt Isabelle Schubert aufhorchen, die als Miss Gardener eine authentische Sportlehrerin gibt und sich rührend um Carrie kümmert. Ebenso überzeugend ist Nicolas Schulze als Lehrer Mister Stephens, wohingegen Kerstin Mayer als Norma herrlich hinterhältig agiert. Generell muss dem gesamten Ensemble ein großes Lob ausgesprochen werden für die herausragenden Leistungen in Gesang und Schauspiel, vor allem aber auch für die Umsetzung der ansprechenden und von Phil Kempster temporeich choreografierten Tanzszenen.

Ein Höhepunkt der Inszenierung ist auch das Bühnenbild, das hauptsächlich aus einem riesigen Bretterverschlag besteht, aber genauso den Blick auf ein Baugerüst – auf dem sich Chris und Billy beim Liebesspiel miteinander vergnügen – freigibt und durch fahrbare Kulissenteile, wie das Haus der Whites, perfekt ergänzt wird. Durch die fahrbaren Kulissenteile werden in Sekundenschnelle neue Szenerien wie ein Klassenraum, eine Sporthalle oder eine Umkleidekabine geschaffen. Wunderbar unterstützt werden die jeweiligen Szenen durch das gut auf die jeweiligen Situationen abgestimmte Lichtdesign, die Spezialeffekte – die immer dann zum Einsatz kommen, wenn Carrie die Telekinese anwendet – und die zeitgemäßen und zu den Charakteren passenden Kostüme von Lauren Slater-Klein.

Getragen werden die fantastischen Darsteller von einer Band unter der versierten Leitung von Christian Feltkamp, der seine Musiker großartig durch die ansprechende Partitur von Michael Gore führt. Ohnehin geht die Musik sehr gut ins Ohr und bietet einen willkommenen Mix aus stimmigen Popballaden und wummernden Rocksongs. Kleinere Schwächen im Buch, zum Beispiel der sich etwas ziehende Abschlussball, werden durch die Musik und die Leistung aller Akteure ausgeglichen. So erweist sich „Carrie“ als extrem starke Produktion und der aktuelle Höhepunkt am Hamburger Musicalmarkt.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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