Big Fish, Foto: Dominik Lapp
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Emotional, berührend, mitreißend: „Big Fish“ in Heilbronn

Was ist Fantasie, was ist Wirklichkeit? Im Musical „Big Fish“ ist das nicht immer ganz klar, weil zwei Welten – jede ebenso farbig wie vielseitig – aufeinandertreffen, ineinanderfließen. Was die Bayerische Theaterakademie August Everding mit der europäischen Erstaufführung des Musicals von Andrew Lippa (Musik und Texte) und John August (Buch) auf die Beine gestellt hat, darf wahrlich als Geniestreich bezeichnet werden. Nachdem das Stück erst in München und Ludwigsburg aufgeführt wurde, gastiert es jetzt für wenige Vorstellungen am Theater Heilbronn.

Es dürfte schon als Novum gelten, dass die Studierenden einer deutschen Hochschule überhaupt die Rechte für die erste europäische Inszenierung eines großen Broadway-Musicals erhalten. Doch mit Andreas Gergen (Regie), Danny Costello (Choreografie), Sam Madwar (Bühnenbild), Tom Bitterlich (Musikalische Leitung) und Ulli Kremer (Kostüme) stellte man ihnen ein extrem erfahrenes Kreativteam zur Seite, das sich der großen Herausforderung mit Bravour angenommen hat.

„Big Fish“ ist wohl das beste Musical, das Andrew Lippa geschrieben hat. Die fantasievolle, berührende Story, die 2003 von Tim Burton verfilmt wurde, hüllte Lippa für sein Bühnenstück in unterschiedliche Musikstile. Er spiegelt die reale und die fiktive Welt in unterschiedlichen Klangfarben und Motiven wider, bedient sich am zeitgenössischen, leicht poppigen Musicalstil, lässt aber auch Marschmusik, Funk, Country und Zirkusmusik einfließen.

Mit Geschicklichkeit leitet Tom Bitterlich seine 14 Musiker, die eine mitreißende musikalische Achterbahnfahrt liefern, durch die anspruchsvolle Partitur. Ganz wundervoll klingt es, wenn die Hexe im Wald von erdiger Tonfarbe begleitet wird, die Hauptprotagonisten dagegen aber von Streichern, Harfen und Gitarren getragen werden. Bei dieser fantastischen Orchesterleistung wird wieder einmal mehr als deutlich, was für ein wichtiger Bestandteil Live-Musik im Musical ist – auch wenn die Musiker wie im Fall von „Big Fish“ versteckt hinter der Bühne sitzen und sich erst zum Schlussapplaus dem Publikum präsentieren dürfen.

Aber der Fokus liegt natürlich auf den Bühnenprotagonisten, die ganz schnell vergessen lassen, dass es sich dabei um Studierende handelt. Allen voran ist es Benjamin Oeser, der sich in der Rolle des Edward Bloom sofort in die Herzen des Publikums spielt und singt. Als Hauptdarsteller hat er das schwerste Päckchen des Abends zu tragen, ist in nahezu jeder Szene zu sehen, wechselt ständig in den Ebenen der Handlung und ist dabei im Schauspiel nicht nur überzeugend authentisch, sondern agiert vor allem meisterhaft souverän. Auch gesanglich enttäuscht er nicht, sondern beeindruckt mit seiner gefühlvollen Stimme und läuft in jedem seiner Songs zu Hochtouren auf. Ein echter Shootingstar, von dem man ganz sicher noch öfter hören wird!

Auch Matias Lavall liefert als Edwards Sohn Will schauspielerisch wie gesanglich eine tolle Performance ab – ein Höhepunkt ist dabei das Zusammenspiel mit Benjamin Oeser. Lisa Rothhardt hat als Hexe zwar nur zu Beginn des Stücks einen richtigen Song zu singen, doch diese Nummer rockt sie von der ersten bis zur letzten Note, bevor sie dann im weiteren Verlauf der Handlung sehr sympathisch Edwards Jugendliebe Jenny spielt. Nicht leicht hat es dagegen Robert Lankester, der als Riese Karl in einem gewaltigen Kostüm gefangen ist, seiner Rolle aber mit Herzlichkeit und Witz Profil verleihen kann.

Theresa Weber als Edwards Ehefrau Sandra und Wiebke Isabella Neulist als Wills Ehefrau Josephine stehen den starken Leistungen ihrer Kollegen in nichts nach, sind in ihren Rollenklischees buchbedingt aber arg eingeengt, so dass eine tiefere Charakterzeichnung nicht möglich scheint. Gesanglich lassen beide Künstlerinnen jedoch aufhorchen. Insbesondere Theresa Weber, die in wunderbarer Harmonie mit Benjamin Oeser die einzigen Duette des Abends singen darf, gefällt mit ihrer angenehm warmen und kraftvollen Stimme.

Ebenso positiv erwähnt werden müssen David Pereira für seine grandiose artistische Leistung sowie Johannes Osenberg für seine schauspielerische Leistung als Zirkusdirektor Amos. Aber auch alle anderen, an dieser Stelle nicht erwähnten Darsteller fügen sich zu einer homogenen Einheit, sind gesanglich und schauspielerisch sehr gut und vermögen in den von Danny Costello hinreißend choreografierten Tanz- und Steppnummern zu glänzen.

So eine große Produktion mit Musicalstudierenden umzusetzen, war für Regisseur Andreas Gergen sicherlich keine einfache Aufgabe. Doch auch mit seiner Inszenierung von „Big Fish“ beweist er wieder einmal, dass er völlig zu Recht ein stark gefragter Musiktheaterregisseur ist. Wie er die beiden Welten aus Fiktion und Wirklichkeit miteinander verwoben hat, die parallelen Handlungen fließend ineinander übergehen lässt, ist geradezu fantastisch. Dabei ist es ihm gelungen, insbesondere den Vater-Sohn-Konflikt zwischen Edward und Will sehr stark und berührend herauszuarbeiten und damit das Publikum voll ins Herz zu treffen.

Als einfacher aber genialer Kniff erweist sich außerdem die Idee, Realität und Fantasiewelt durch den Einsatz mehrerer weißer Holzkisten in den verschiedensten Konstellationen zu visualisieren. Während in den realen Szenen keine oder nur wenig Kisten zum Einsatz kommen, stehen in anderen Szenen bis zu 13 Kisten auf der Bühne, um die in Edwards Fantasie erbaute Welt darzustellen. Optisch perfekt ergänzt wird das einerseits karge, aber andererseits sehr funktionelle und durchaus passende Einheitsbühnenbild von Sam Madwar durch passende Projektionen, einige Requisiten und die hochwertigen Kostüme von Ulli Kremer.

So erweist sich das Musical „Big Fish“ als rundherum gelungene Sache, bei der man kein einziges Haar in der Suppe findet. Von der darstellerischen Leistung, über die Musik, bis hin zu Inszenierung, Choreografie und Ausstattung passt hier einfach alles. Ein wahres Meisterstück, ein Juwel unter den Musicals – emotional, berührend und absolut mitreißend.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze eines Onlinemagazins. Als Regisseur verantwortete er die Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie eine Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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