„Big Fish“ (Foto: Dominik Lapp)
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Emotional und mitreißend: „Big Fish“ in Gelsenkirchen

Was ist Fantasie, was ist Wirklichkeit? Im Musical „Big Fish“ ist das nicht immer ganz klar, weil zwei Welten – jede ebenso farbig wie vielseitig – aufeinandertreffen, ineinanderfließen. Was die Bayerische Theaterakademie August Everding mit der europäischen Erstaufführung des Musicals von Andrew Lippa (Musik und Texte) und John August (Buch) im Jahr 2016 auf die Beine gestellt hat, darf wahrlich als Geniestreich bezeichnet werden. Nachdem das Stück damals in München aufgeführt wurde und anschließend in Ludwigsburg und Heilbronn gastierte, ist es jetzt als Koproduktion am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen zu sehen.

„Big Fish“ ist wohl das beste Musical, das Andrew Lippa geschrieben hat. Die fantasievolle, berührende Story, die 2003 von Tim Burton verfilmt wurde, hüllt Lippa für sein Bühnenstück in unterschiedliche Musikstile. Er spiegelt die reale und die fiktive Welt in unterschiedlichen Klangfarben und Motiven wider, bedient sich am zeitgenössischen, leicht poppigen Musicalstil, lässt aber auch Marschmusik, Funk, Country und Zirkusmusik einfließen.

Mit Geschicklichkeit leitet Heribert Feckler seine Musiker, die eine mitreißende musikalische Achterbahnfahrt liefern, durch die anspruchsvolle Partitur. Ganz wundervoll klingt es, wenn die Hexe im Wald von erdiger Tonfarbe begleitet wird, die Hauptprotagonisten dagegen aber von leichten poppigen Klängen getragen werden. Bei dieser fantastischen Leistung der Band wird wieder einmal mehr als deutlich, was für ein wichtiger Bestandteil Live-Musik im Musical ist – auch wenn die Musiker wie im Fall von „Big Fish“ versteckt hinter der Bühne sitzen.

Aber der Fokus liegt natürlich auf den Bühnenprotagonisten. Allen voran ist es Benjamin Oeser, der sich in der Rolle des Handelsvertreters Edward Bloom – der in seinen Geschichten ein ganz großer Fisch ist – sofort in die Herzen des Publikums spielt und singt. Als Hauptdarsteller hat er das schwerste Päckchen des Abends zu tragen, ist in nahezu jeder Szene zu sehen, wechselt ständig in den Ebenen der Handlung und ist dabei im Schauspiel nicht nur überzeugend authentisch, sondern agiert vor allem meisterhaft souverän. Auch gesanglich beeindruckt er mit seiner gefühlvollen Stimme und läuft in jedem seiner Songs zu Hochtouren auf. Konnte er schon 2016 – damals noch als Musicalstudent – in dieser Rolle begeistern, hat er jetzt in Gelsenkirchen noch einmal eine gehörige Schippe oben draufgelegt.

Auch Dennis Hupka liefert als Edwards Sohn Will schauspielerisch wie gesanglich eine tolle Performance ab – ein Höhepunkt ist dabei das Zusammenspiel mit Benjamin Oeser. Anke Sieloff hat als Hexe zu Beginn des Stücks mit einem Song nur einen kleinen Auftritt, der ihr jedoch eindrucksvoll gelingt. Im weiteren Verlauf der Handlung spielt sie dann sehr sympathisch Edwards Jugendliebe Jenny. Nicht leicht hat es dagegen Oliver Aigner, der als Riese Karl in einem gewaltigen Kostüm gefangen ist, seiner Rolle aber mit Herzlichkeit und Witz Profil verleihen kann.

Theresa Christahl, die bereits in München als Edwards Ehefrau Sandra auf der Bühne stand, hat sich wie Benjamin Oeser sehr stark weiterentwickelt. Ihr gelingt es, aus dem buchbedingt eingeengten Rollenklischee der Ehefrau auszubrechen und Sandra als genauso starke wie treue und liebenswürdige Frau darzustellen. Die Szenen mit Oeser meistert sie ganz wunderbar, so dass das Zusammenspiel beider Darsteller und vor allem die Liebe zwischen Edward und Sandra sehr echt und ehrlich wirkt.

Ebenso positiv erwähnt werden müssen Sina Jacka als Wills Ehefrau Josephine, die schauspielerisch wie gesanglich souverän agiert, sowie der großartige Rüdiger Frank, der dem Zirkusdirektor Amos ein extrem starkes Profil verleiht. Aber auch alle anderen, an dieser Stelle nicht erwähnten Darsteller fügen sich zu einer homogenen Einheit, sind gesanglich und schauspielerisch sehr gut und vermögen in den von Danny Costello hinreißend choreografierten Tanz- und Steppnummern zu glänzen.

Regisseur Andreas Gergen beweist mit seiner Inszenierung von „Big Fish“ wieder einmal, dass er völlig zu Recht ein stark gefragter Musiktheaterregisseur ist. Wie er die beiden Welten aus Fiktion und Wirklichkeit miteinander verwoben hat, die parallelen Handlungen fließend ineinander übergehen lässt, ist geradezu fantastisch. Dabei ist es ihm gelungen, insbesondere den Vater-Sohn-Konflikt zwischen Edward und Will sehr stark und berührend herauszuarbeiten und damit das Publikum emotional zu packen.

Als einfacher aber genialer Kniff erweist sich außerdem die Idee, Realität und Fantasiewelt durch den Einsatz mehrerer weißer Holzkisten in den verschiedensten Konstellationen zu visualisieren. Während in den realen Szenen keine oder nur wenige Kisten zum Einsatz kommen, stehen in anderen Szenen bis zu 13 Kisten auf der Bühne, um die in Edwards Fantasie erbaute Welt darzustellen. Optisch perfekt ergänzt wird das einerseits karge, aber andererseits sehr funktionelle und durchaus passende Einheitsbühnenbild von Sam Madwar durch passende Projektionen, einige Requisiten und die hochwertigen Kostüme von Ulli Kremer.

So ist das Musical „Big Fish“ auch in Gelsenkirchen eine rundherum gelungene Produktion. Von der darstellerischen Leistung, über die Musik, bis hin zu Inszenierung, Choreografie und Ausstattung passt hier alles. Ein wahres Meisterstück, ein Juwel unter den Musicals – emotional, berührend und äußerst mitreißend. Chapeau!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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