„Die fabelhafte Welt der Amélie“ (Foto: Stage Entertainment)
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Fantasievoll: „Die fabelhafte Welt der Amélie“ in München

So kann’s gehen: Der französische Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ aus dem Jahr 2001 war ein Überraschungserfolg und spielte weltweit mehr als 150 Millionen Euro ein. Die Musicaladaption aus dem Jahr 2017 floppte hingegen am Broadway und wurde dort nach nur 56 Vorstellungen wieder abgesetzt. Ein Wagnis ist Stage Entertainment also eingegangen, das Musical in München im Werk 7 Theater auf die Bühne zu bringen – dort wo zuvor schon mit der Uraufführung von „Fack ju Göhte“ ein Risiko eingegangen wurde. Künstlerisch hat es sich aber total ausgezahlt, denn die überarbeitete Fassung von „Die fabelhafte Welt der Amélie“, die in der bayerischen Landeshauptstadt zu sehen ist, transportiert ganz wunderbar das französische Flair des Films.

Bei dieser Produktion wurde in München eine Menge richtig gemacht. Zum einen hat man mit dem Werk 7 Theater eine wunderbare kleine Spielstätte, die perfekt zu der intimen Inszenierung von Christoph Drewitz und der minimalistischen Musik von Daniel Messé passt. Zum anderen wurde die Musik des Musicals um die grandiose Filmmusik von Yann Tiersen ergänzt – und das erweist sich als Glücksgriff. Denn die Musik erhielt schon beim Film so viel Lob von Kritikern und Zuschauern, dass sie nachträglich auf CD veröffentlicht werden musste, was ursprünglich gar nicht vorgesehen war.

Eine äußerst kluge Entscheidung also, durch die bekannte Filmmusik eine Brücke zwischen Film und Musical zu bauen, einen Wiedererkennungswert zu schaffen und damit auch noch das typisch französische Flair in das Musical zu integrieren. Die fünfköpfige Band unter der Leitung von Philipp Gras jedenfalls vermag sowohl die Musicalsongs von Daniel Messé als auch die Filmmusik von Yann Tiersen perfekt zu intonieren. Ein kleines Bonbon sind dabei die Akkordeon spielenden Darsteller.

Das Buch von Craig Lucas orientiert sich stark am Filmdrehbuch von Jean-Pierre Jeunet und Guillaume Laurant, der deutsche Übersetzer Heiko Wohlgemuth hat letztlich sogar einzelne Sätze eins zu eins in die Bühnenfassung übernommen. Erzählt wird in „Die fabelhafte Welt der Amélie“ aber gar nicht mal so viel. Zwar erleben die Zuschauer das Leben von Amélie Poulain von der Geburt bis zur ersten großen Liebe, doch weil viel in Amélies Fantasiewelt passiert, wird dabei kein wirklich roter Faden gesponnen. Den benötigt das wundervolle Stück aber auch gar nicht. Denn wie schon im Film, stehen die romantisch-poetische Erzählweise und viele kleine Details im Vordergrund.

„Die fabelhafte Welt der Amélie“ (Foto: Dominik Lapp)

Geradezu zauberhaft ruhig erzählt Regisseur Christoph Drewitz Amélies Geschichte. Dabei bedient er sich an allerhand Theatertricks. So wird zum Beispiel Amélies Kindheit mithilfe einer geschnitzten Puppe (Puppendesign: Stefan Fichert) erzählt, auch ihr Goldfisch, der den außergewöhnlichen Namen Pottwal trägt, wird mittels einer Puppe dargestellt.

Außerdem bezieht Drewitz das Publikum immer wieder in die Handlung mit ein. Das gilt jedoch nicht nur für die Zuschauer in der ersten Reihe, die an Bistrotischen direkt auf der Bühne sitzen und Gäste im Café des Deux Moulins sind. Auch der Gemüseverkäufer Lucien und andere Ensembledarsteller bespielen immer wieder den Zuschauerraum, bei dem ewigen Versteckspiel zwischen Amélie und Nino müssen die Zuschauer Amélie sogar mit blauen Pfeilen den Weg weisen.

Die Ausstattung von Andrew Edwards passt ebenfalls perfekt zum Stück. So besteht die Bühne ausschließlich aus dem Café, in dem Amélie arbeitet. Darüber aber befinden sich noch einige kleine Wohnräume, alle liebevoll mit unterschiedlichen Tapeten und Einrichtungsgegenständen ausgestattet, in denen die Musiker untergebracht sind. Dabei ist es Edwards exzellent gelungen, das Pariser Flair einzufangen und eine wohlig-heimelige Atmosphäre zu schaffen.

Das Ensemble von „Die fabelhafte Welt der Amélie“ besteht aus nur elf Darstellern, die so perfekt besetzt wurden, dass sie allesamt namentlich erwähnt werden müssen. Das Zusammenspiel zwischen ihnen wirkt in jeder Szene genauso authentisch wie spontan. Allen voran ist es Steffi Regner als Amélie, mit der dieses Stück steht und fällt. Regner ist schon optisch eine Wucht, erinnert sie doch äußerlich sehr an die Amélie der Filmvorlage (gespielt von Audrey Tautou). Dennoch gelingt es ihr, die Film-Amélie nicht zu kopieren, sondern eine eigene Charakterzeichnung zu finden, die unglaublich liebenswürdig und echt wirkt. Mit jedem Satz, mit jeder Mimik und Gestik transportiert Steffi Regner unglaublich viele Emotionen, garniert mit ganz viel Poesie. Dazu singt sie mit ihrer glockenklaren Stimme traumhaft schön.

„Die fabelhafte Welt der Amélie“ (Foto: Stage Entertainment)

Eine gute Figur an ihrer Seite macht Andreas Bongard als Nino, der seiner Figur ebenfalls viele sympathische Züge verleiht, eine tiefe Charakterzeichnung zulässt und gesanglich nichts zu wünschen übriglässt. Eine sehr starke Leistung liefert zudem Rob Pelzer ab, der in einer Doppelrolle einerseits den von der Glasknochenkrankheit gezeichneten Maler Dufayel und andererseits den cholerischen Gemüsehändler Collignon spielt. Beiden Rollen verleiht er durch sein intensives Schauspiel eine tiefe Kontur.

André Haedicke gibt den Schriftsteller Hipolito sehr sympathisch, begeistert aber genauso als Gartenzwerg und liefert im Finale des ersten Akts als Elton John eine großartige Shownummer, in der er sich als perfekter Entertainer erweist. Eine große Wandlungsfähigkeit beweist außerdem Charles Kreische, der als Lucien die Lacher auf seiner Seite hat, wenn er ein Loblied auf Lauch singt.

Ganz großartig agieren jedoch auch Christine Rothacker als Cafébesitzerin Suzanne, Fleur Alders als Tabakverkäuferin Georgette und Kira Primke als Kellnerin. Ebenso können Janco Lamprecht als Joseph, Emanuel Jessel als Bretodeau und Dorina Maltschewa als Philomene überzeugen.

So verzaubert das Musical „Die fabelhafte Welt der Amélie“ durch eine starke Darstellerriege und die einzigartige Inszenierungsform, aber auch durch die besondere Atmosphäre und die hübsche Musik, die auf CD vielleicht gar nicht mal so gut funktioniert wie live im Theater. Denn um den besonderen Zauber dieses Stücks zu erleben, muss man nach München fahren und mit Amélie in ihre Welt abtauchen. Magnifique!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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