Foto: Peter Samer
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Fantasievoll umgesetzt: „Der Schwanenprinz“ in Füssen

Ein Musical auf einem Schiff? Was für ein genialer Einfall. Aber braucht es zwei König-Ludwig-Musicals in Füssen? Unbedingt. Denn „Der Schwanenprinz“ und „Ludwig²“ kannibalisieren sich nicht, sondern ergänzen sich vielmehr. Janet Marie Chvatal und Marc Gremm, die einst selbst als Sisi und Ludwig im Musical „Ludwig²“ auf der Bühne standen und sich seit vielen Jahren mit ihren Musicalprojekten im Allgäu einen Namen gemacht haben, dürften sich mit ihrem Musical „Der Schwanenprinz“ einen großen Traum erfüllt haben, den sie jetzt schon den zweiten Sommer leben und der auch im Sommer 2018 weitergelebt wird.

Der Füssener Forggensee, der im Frühjahr als Auffangbecken für das Wasser der Schneeschmelze dient, ist nur von Juni bis Oktober gefüllt, so dass er von zwei Fahrgastschiffen befahren werden kann. Eines dieser Schiffe, die MS Füssen, dient dem „Schwanenprinz“ als Spielort. In dem Stück wird die Geschichte des jungen Ludwig II. erzählt, der fasziniert ist von der mittelalterlichen Sagenwelt mit ihren Rittern, der Gralsburg und der Suche nach dem Heiligen Gral.

Rund 150 Zuschauer finden auf dem oberen Deck des Ausflugsdampfers Platz, als Spielfläche für die Musicaldarsteller dient ein kleines Podest sowie ein breiter Mittelgang, der durch die Zuschauerreihen führt. Die wunderschöne See- und Bergkulisse, die man durch die Schiffsfenster genießen kann, ersetzt das nicht vorhandene Bühnenbild. Auf dem Podest befinden sich darüber hinaus ein roter Samtvorhang, ein königlicher Sessel, ein Schwert und ein Buchständer mit einem großen Märchenbuch, aus dem die Geschichte eines Schwanenritters aus dem Off erzählt wird.

Was schnell deutlich wird: „Der Schwanenprinz“ ist gar nicht unbedingt ein Stück, das den durchschnittlichen Musicalbesucher anspricht, sondern vor allem eine gut gemachte Unterhaltungsshow, die auch die Allgäu-Touristen begeistern dürfte. Schon die Einfahrt der MS Füssen zum Bootsanleger, an dem sich das Publikum versammelt hat, wird durch Nic Raines hollywoodreife Musik, bayerische Flaggen und winkende Darsteller in zünftiger Bayernkluft zu einem Ereignis. Wenn letztlich das Schiff mit den Zuschauern an Bord ablegt, die Erzählerstimme aus dem Off erklingt und Marc Gremm als stattlicher König Ludwig II. auftritt, nimmt nicht nur der Kahn, sondern auch die Geschichte ordentlich an Fahrt auf.

Platzbedingt kann selbstverständlich kein Orchester auf dem Schiff untergebracht werden, weshalb die Musik lediglich aus der Konserve eingespielt wird. Doch das tut dem Gesamtwerk keinen Abbruch, weil die von den Prager Philharmonikern aufgenommenen Musiktracks sehr hochwertig produziert wurden und die Tontechnik an Bord erstaunlich gut ist.

Generell ist die Musik von Nic Raine der reinste Ohrenschmaus. Seine Tätigkeit als Filmmusikkomponist kann er jedenfalls nicht vertuschen und so darf sich das Publikum auf einen Ausflug in große symphonische Welten begeben. Raine kombiniert in seinem opulent orchestrierten Score filmmusikalische Zitate mit volksliedhaften sowie musicaltypischen Klängen und lässt auf schwelgerische Soli und Duette starke Chornummern folgen. Ganz wunderbar klingen dabei nicht nur die Melodien, zu denen die Solisten singen, sondern auch die Instrumentalnummern, mit denen die Szenen, welche an Land spielen, perfekt untermalt werden – ähnlich wie beim Soundtrack eines Films.

Ohnehin sind die Landszenen ein Highlight dieser Produktion. Mehrfach steuert das Fahrgastschiff hierfür die entlegensten Winkel des Forggensees an, wo weit mehr als 30 Mitwirkende in verschiedenen Szenen die Handlung vorantreiben und visualisieren, was die Stimme aus dem Off erzählt. Wir sehen die Gralsburg, den vier Meter hohen Roten Ritter, Schwertkämpfe, einen Schwan mit sechs Metern Flügelspannweite oder ein tanzendes Landvolk. All das wird äußerst fantasievoll und mit sichtbarer Spielfreude umgesetzt, so dass sich Szenenabfolgen, Schiffsrundfahrt, Musik und Story sehr harmonisch ergänzen.

Doch nicht unerwähnt bleiben dürfen die Solisten des Abends: Marc Gremm ist der personifizierte Bayernkönig. Schauspielerisch und mimisch macht er von der ersten Sekunde an vergessen, dass man einen Schauspieler vor sich hat – so stark spielt er die Rolle von Ludwig II. Und ebenso gesanglich enttäuscht er nicht, sondern vermag das Publikum mit seiner Stimmgewalt jederzeit zu packen. Janet Marie Chvatal, seit Jahren auf die Rolle der Sisi fest abonniert, kann mit ihrer klangschönen Stimme genauso glänzen. Im Duett „Brennende Herzen“ harmoniert das Paar hör- und sichtbar hervorragend und liefert damit einen der eindrücklichsten Momente der Show.

Absolut rollendeckend und schauspielerisch stark agieren zudem Patrick Simper (Vater / Klingsor) mit seinem sonoren tieftönenden Bass und Suzan Zeichner (Mutter / Kundry) mit ihrem hohen Sopran. Doch auch die Künstler in den kleineren Rollen können allesamt durch Spiel und Stimme überzeugen – sei es nun Christopher Green als Diener, Melanie Patzner als Geliebte oder Sarah Hummel als junge Kaiserin und Schwan.

Nach etwa zweieinhalb Stunden endet der Ausflug in des Königs Fantasiewelt, wenn die MS Füssen zu den symphonischen Klängen von Nic Raine die Rückfahrt zum Bootsanleger antritt. Das Publikum in der besuchten ausverkauften Vorstellung honoriert die Fantasiereise mit stehenden Ovationen und eine sichtlich gerührte Janet Marie Chvatal und ein ebenso dankbar scheinender Marc Gremm entlassen die Zuschauer nach einigen persönlichen Schlussworten in die Füssener Nacht.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Medienberater, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze des Onlinemagazins thatsMusical. Als Regisseur verantwortete er unter anderem das Pop-Oratorium "Die 10 Gebote", außerdem schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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