Foto: Peter Samer
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Große Emotionen: „Ludwig²“ in Füssen

Ein faszinierendes Porträt des legendären Bayernkönigs wurde mit dem Musical „Ludwig²“ gezeichnet. Nachdem es 2005 in Füssen zur Uraufführung kam und 2011 in einer überarbeiteten Fassung in Kempten zu sehen war, wird es seit 2016 schon den zweiten Sommer in Folge im Füssener Festspielhaus aufgeführt und ist auch 2018 in diesem Haus zu sehen.

Der neue Betreiber des Theaters und der Stuttgarter Regisseur Benjamin Sahler haben sich die Aufführungsrechte für 12 Jahre gesichert und wollen „Ludwig²“ jedes Jahr am Originalschauplatz zeigen. Das könnte funktionieren, denn das emotionale Musical hat eine große Anhängerschaft und passt wohl wie kein anderes Stück so perfekt an den Forggensee – einmal abgesehen von „Der Schwanenprinz“.

Die Erzählstruktur des Stücks und die Szenenabfolgen wurden von Benjamin Sahler grundlegend verändert. Während in der Uraufführungsfassung der König seinem Leibarzt Dr. Gudden rückblickend von seinen Lebensstationen berichtete, wird die Handlung jetzt chronologisch stringent erzählt. Das bringt Tempo in die Story.

Auch optisch hat das Stück einiges zu bieten: Die größte Drehbühne Europas kommt häufig zum Einsatz und das für das erste Ludwig-Musical „Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies“ geschaffene Wasserbecken in der Bühne wird ebenfalls gut in die Handlung eingebunden. Die sehenswerten Kostüme und Bühnenbilder aus der 2005er Version kommen erneut zum Einsatz und werden durch ein stimmiges Lichtdesign, Projektionen und Lasertechnik ergänzt.

Regisseur Benjamin Sahler hat den Fokus aber nicht auf die Optik allein gelegt, sondern versteht sich auch in Personenführung und hat einige gute Ideen realisiert. So setzt er zum Beispiel Stefanie Gröning als wundervolle Schwanentänzerin ein, die sich im weißen Kleidchen sehr emotional im Wasser räkeln darf. Wenn der junge Prinz Ludwig im Boot über den See fährt und letztlich der erwachsene Ludwig aus diesem entsteigt, ist das ein weiterer magischer Theatermoment.

Ganz besonders lebt „Ludwig²“ aber von der starken Darstellerriege. Allen voran ist es Jan Ammann, der als Reinkarnation von König Ludwig II. das Publikum in seinen Bann zieht. Ammann lebt seine Rolle, kann mit seiner unglaublich großen Stimme glänzen und transportiert mit leidenschaftlichem Spiel die ganze Gefühlswelt des Königs. Selten hat man solch ein inbrünstiges Schauspiel gesehen, selten so eine wohltönende, gefühlvolle Stimme gehört. Sein Solo „Kalte Sterne“ meistert er mit Bravour und liefert damit ein echtes Highlight.

Als Ludwig hat Jan Ammann ein extrem schweres Päckchen zu tragen, ist fast durchgängig auf der Bühne, hat ein Solo nach dem anderen und etliche Duette zu singen. Man nimmt ihm die Rolle von der ersten bis zur letzten Sekunde ab und hat zu keiner Zeit das Gefühl, einen Schauspieler auf der Bühne zu sehen – so durchdringend authentisch und stark ist er in dieser Rolle, die er schon bei der Uraufführung spielte und die ihm quasi auf den Leib geschneidert wurde.

Die möglichen homosexuellen Neigungen des Königs werden in „Ludwig²“ gänzlich ausgespart und so dürfen König Ludwig und Kaiserin Elisabeth als Seelenverwandte in einer fiktiven Romanze schwelgen. Anna Hofbauer gibt die geliebte Cousine sehr sympathisch, ist einerseits zwar Romantikerin, andererseits aber doch Realistin und dadurch ein gutes Pendant zu Ludwigs Fantastereien. Gesanglich harmoniert sie hervorragend mit Jan Ammann und kann auch solo mit ihrer glockenklaren Stimme bis in die höchsten Höhen begeistern.

In der Rolle von Ludwigs Amme Sybille Meilhaus ist Suzan Zeichner zu sehen, die als Ludwigs Vertraute eine wahre Sympathieträgerin ist und schauspielerisch wie gesanglich brilliert. Ebenso begeistern kann Julian Wejwar als Prinz Otto. Er gibt den traumatisierten Kriegsheimkehrer packend realistisch und mit klangschöner Stimme – besonders im Duett mit Jan Ammann, was emotional nur schwer zu toppen ist.

Alexander Kerbst zeigt als Dr. Gudden schauspielerisch ganz besonders die innere Zerrissenheit des Nervenarztes und gefällt auch gesanglich mit seiner angenehm warmen Stimme. Als mysteriöser Schattenmann und Attentäter hat Kevin Tarte zwar nur einen kurzen Auftritt im zweiten Akt, hinterlässt dank seiner Bühnenpräsenz und der faszinierenden Intonation seines Solos aber einen starken Eindruck.

Die kleineren Rollen bieten den Darstellern bedauerlicherweise nicht die Möglichkeit, viele Facetten ihres Könnens zu zeigen. Dennoch wissen aber zum Beispiel Harald Tauber als Graf Rettenberg oder Oedo Kuipers als Graf Dürckheim das Beste daraus zu machen und schauspielerisch wie gesanglich absolut solide und rollendeckend zu agieren.

So perfekt „Ludwig²“ aber auch ist, einen Wermutstropfen gibt es leider: Angesichts der Professionalität der Produktion, der prominenten Besetzung und der Eintrittspreisgestaltung erscheint es nahezu inakzeptabel, dass sowohl Musik als auch Chorgesang lediglich aus der Konserve kommen und nicht live sind. Das trübt das ansonsten sehr positive Gesamtbild, vor allem weil das Komponistentrio Christopher Franke, Nic Raine und Konstantin Wecker großartige Melodien geschrieben hat, die wunderbar ins Ohr gehen und die Handlung perfekt transportieren. In jedem Fall ist das Musical „Ludwig²“ aber äußerst sehenswert, und so darf man sich auf weitere Vorstellungen mit großen Emotionen in den kommenden Jahren freuen.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Medienberater, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze des Onlinemagazins thatsMusical. Als Regisseur verantwortete er unter anderem das Pop-Oratorium „Die 10 Gebote“, außerdem schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe „Auf ein Wort“.

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