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Interview mit Tetje Mierendorf: „Ich muss nicht jedem gefallen“

Im vergangenen Sommer stand er noch als Shrek im gleichnamigen Musical auf der Bühne, doch man kennt Tetje Mierendorf nicht nur als Musicaldarsteller. Der ausgebildete Bankkaufmann wurde als Komiker und Schauspieler bekannt und arbeitet regelmäßig als Synchronsprecher. Das Musicalpublikum kennt ihn aus Produktionen wie „Das Wunder von Bern“, „Hairspray“ oder „Sister Act“. Im Interview spricht der sympathische Künstler über sein zurückliegendes Sommerengagement bei den Freilichtspielen Tecklenburg, über eine große körperliche Veränderung und Parallelen zwischen dem Musical „Shrek“ und der Realität.

Sie haben schon 1997 bei der „Rocky Horror Show“ in Tecklenburg auf der Bühne gestanden und sind 20 Jahre später für „Shrek“ zurückgekehrt. Was hat sich seitdem verändert und was erkennen Sie wieder?
Ich muss ja gestehen, ich war mal auf der A1 in Richtung Köln unterwegs, hatte noch etwas Zeit und bin bei Tecklenburg von der Autobahn abgefahren und hab mir alles noch mal angesehen. Aber als ich dann im Frühjahr 2017 zur Maskenprobe da war, habe ich schon gemerkt, dass sich einiges getan hat und es Neubauten gibt, die vor 20 Jahren noch nicht da waren. Aber die Parkplatzproblematik ist noch die gleiche wie vor 20 Jahren. (lacht) Damals war das alles wie eine Klassenfahrt und jetzt war es einfach schön, wieder zurückzukommen. Also schon wie ein Klassentreffen.

Wurden Sie für die Titelrolle in „Shrek“ gezielt angefragt?
Ja. Der Intendant Radulf Beuleke hat mich angerufen und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, den Shrek zu spielen. Klar konnte ich mir das vorstellen! Ich war mir nicht sicher, ob ich es stimmlich hinkriege, aber ich wollte es gern probieren. Und man hat in Tecklenburg an mich geglaubt. (lacht) Ich finde die Rolle auch einfach super.

Sie haben eine große Veränderung hinter sich: Früher hätten Sie den Shrek mit Ihrem eigenen Körper ausgefüllt, jetzt brauchten Sie aber einen Fatsuit. Wie haben Sie das selber realisiert, was da passiert ist?
Das ist in zwei Sätzen gar nicht erklärt. Wichtig ist, welche Methode man zum Abnehmen anwendet. Da gibt es ja die unterschiedlichsten Wege, Kalorien zu reduzieren. Wir alle wissen, dass man weniger Kalorien zu sich nehmen muss als man braucht, um abzunehmen. Wir alle unterliegen der gleichen Physik und trotzdem funktioniert es nicht bei jedem. Ich habe mich allerdings hingesetzt und mich gefragt, welche Funktion das Übergewicht in meinem Leben hat. Warum bin ich dick? Ich wollte mir professionelle Hilfe holen, aber die war nicht zu bekommen. Also habe ich nach einigen Therapiesitzungen mit mir selbst herausgefunden, dass ich das Dicksein nicht mehr brauche und nicht mehr dick sein will. Und der wichtigste Grund fürs Abnehmen war meine Tochter.

Kommen denn mit der neuen Figur auch neue Rollen?
Ich habe immer gut zu tun gehabt und habe es noch immer. Ich arbeite seit Jahren hauptsächlich als Sprecher – und da ist natürlich vor allem die Stimme von Relevanz, nicht das Aussehen. Witzigerweise werde ich aber immer noch dick besetzt als Sprecher. Ich bekomme also immer noch dicke Rollen, weil ich eben weiß, was ein Dicker für ein Tempo hat und wie er etwas spricht. Interessanterweise bekomme ich in letzter Zeit aber viele Moderationsaufträge. Das ist echt spannend und macht richtig viel Spaß.

Der Shrek im gleichnamigen Musical war eine neue Rolle für Sie. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Die Rolle spiegelt ein bisschen meinen Werdegang der letzten Jahre wider. So wie Shrek sich eine Mauer aufbauen möchte, habe ich mir durch das Dicksein auch eine Mauer aufgebaut. Dann habe ich das nach und nach abgebaut, und mit der Erschlankung haben sich neue Charakterzüge ergeben. Ich habe mich selbst entdeckt. Ich wurde einer Rolle gerecht. Shrek wird ebenso einer Rolle gerecht – man erwartet, dass er als Oger böse ist, die Leute verscheucht und die Leute Angst vor ihm haben. Aber er stellt auch fest, dass in ihm eigentlich ein ganz anderer Typ steckt. Das war eine wahnsinnig spannende Zeit für mich als Shrek. Ich beschreibe es als meine zweite Pubertät, weil ich immer wieder neue Sachen an mir entdeckt habe.

Das Musical „Shrek“ basiert auf einem Animationsfilm. Neigt man dazu, die Filmrolle zu kopieren?
Nein, gar nicht. Ich habe den Film vor vielen Jahren einmal gesehen und ihn mir jetzt bewusst nicht mehr angesehen. Da ich wusste, dass unser Regisseur Ulrich Wiggers weder den Film noch die Düsseldorfer Produktion kopieren wollte, habe ich mir den Film bewusst nicht mehr angesehen, um meinen eigenen Weg zu finden.

Was ist Shrek für ein Typ? Harte Schale, weicher Kern?
Ja, er hat eine harte Schale. Von seinem weichen Kern weiß er allerdings noch nichts. Den muss er erst finden. Er hat ein großes Unverständnis über die Welt. Er weiß nicht, warum die Welt ihn schlecht behandelt. Nur wegen seines Aussehens, wegen seines Daseins als Oger. Er ist aber viel weicher in seinem Kern als er weiß. Der Esel knackt die harte Schale, weil er der Erste ist, der Shrek so akzeptiert und respektiert, wie er ist. Das ist eine völlig neue Situation für Shrek.

Warum macht er diesen Wandel durch?
Shrek lebt im Sumpf. Das ist ein Ghetto, das er sich selbst geschaffen hat. Damit ist er zunächst zufrieden. Aber dann wird ihm sein Sumpf strittig gemacht, weil Lord Farquaad die Fabelwesen in den Sumpf verbannt und dadurch Shreks Welt zerstört. Davor hat sich Shrek in seinem überschaubaren Mikrokosmos sehr wohl gefühlt. Da waren keine anderen Lebewesen, die ihn bewerten oder emotional gefährlich werden können. Durch die Fabelwesen wurde das aufgebrochen – und das hat ihn verändert. Das zeigt ihm, dass es draußen in der Welt noch etwas Anderes gibt als nur seinen Sumpf. Da tun sich neue Welten auf und er wird neugierig auf das, was er bisher alles verpasst hat. Am Anfang ist es der Sumpf, den er zurückhaben will, der ihn antreibt. Und dann ist es die Neugier, die für seinen Wandel sorgt.

Gibt es in dem Stück auch Parallelen zur Realität?
Absolut. Es gibt weitaus mehr Parallelen zur realen Welt als man denkt. Die Fabelwesen werden in einen Sumpf vertrieben. Näher an der aktuellen Flüchtlingssituation kann man kaum sein. Die Fabelwesen müssen ihre Heimat widerwillig verlassen, werden einfach im Sumpf ausgesetzt und sind in fremder Umgebung auf sich gestellt.

Die Neue Osnabrücker Zeitung hat über Ihren Auftritt in Tecklenburg geschrieben, dass Sie nicht der größte Sänger seien. Dazu haben Sie auf Facebook reagiert und geschrieben, dass Sie 1,97 Meter groß sind und ob schon mal jemand einen größeren Sänger gesehen hat. Nehmen Sie so eine Kritik also durchaus mit einem Augenzwinkern an?
Na klar! Wir hatten eine super Kritik in der Neuen Osnabrücker Zeitung und ich weiß, wo meine Stärken und Schwächen liegen. Das geht mir auch bei Auditions immer wieder so. Ich finde eine gesunde Selbsteinschätzung sehr wichtig. Außerdem kann man nicht jedem gefallen. Das ist unmöglich. Im Zuge meiner Veränderung habe ich aber auch gelernt, dass ich gar nicht jedem gefallen muss. Vor drei oder vier Jahren hätte es mich wahrscheinlich stark getroffen, wenn ich so etwas über mich gelesen hätte. Aber jetzt kann ich damit leben.

Interview: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Medienberater, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze des Onlinemagazins thatsMusical. Als Regisseur verantwortete er unter anderem das Pop-Oratorium „Die 10 Gebote“, außerdem schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe „Auf ein Wort“.

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