Foto: Mirco Wallat, musicalsessen.de
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Interview mit Maricel: „Ich bin in vielen Genres zu Hause“

Maricel ist ein Multitalent. Sie arbeitet als Popsängerin, Songwriterin, Produzentin, konzipiert Shows und Bühnenstücke – und hat als Musicaldarstellerin in zahlreichen Musicals wie „Jekyll & Hyde“, „Mozart!“, „Aida“, „Marie Antoinette“ oder „West Side Story“ auf der Bühne gestanden. Im Interview spricht sie darüber, wie sie von der Popmusik zum Musical kam, wie es ist, sich in verschiedenen Genres zu Hause zu fühlen und wie anspruchsvoll zuletzt ihre Rolle, die Mrs. Lovett in „Sweeney Todd“ am Staatstheater Braunschweig war.

Sie kommen ursprünglich aus der Popmusik, sind dann zum Musical gewechselt. Warum dieser Sinneswandel?
Ich hatte damals einen Plattenvertrag bei Universal Music, aber Musicals haben mich auch interessiert. Ich bin sowieso sehr breit gefächert und man kann mich schwer in eine Schublade stecken. Ich liebe einfach die Vielschichtigkeit. Ich habe dann irgendwann „Jekyll & Hyde“ in Bremen gesehen und war total begeistert. Und obwohl ich einen Plattenvertrag hatte, bin ich zur Audition für „Jekyll & Hyde“ gegangen. Ich wollte einfach mal reinschnuppern – und dann hat es tatsächlich geklappt und ich bin in die Musicalbranche hineingerutscht. Der Popmusik bin ich aber immer treu geblieben und ich sehe mich, Maricel, noch immer als Popsängerin.

Im Internet kann man auch ein aktuelles Video von Ihnen sehen, wo Sie „O mio babbino caro“ aus der Puccini-Oper „Gianni Schicchi“ singen – und das sogar ziemlich gut. Klassik können Sie also offensichtlich auch.
Das ist ja gerade das Schöne. Ich erlaube mir, meine Vielseitigkeit auszuleben. Ich habe einerseits Stücke wie „West Side Story“ gespielt, andererseits aber rockige Musicals wie „Der Ring“ oder „Aida“. Ich liebe es, mich in vielen verschiedenen Genres zu Hause zu fühlen und finde es toll, so vielschichtig arbeiten zu dürfen.

Außerdem schreiben Sie Konzepte für Bühnenshows.
Ja, ich schreibe Konzepte für eigene Shows und auch im Auftrag. Zusammen mit einem Kollegen habe ich beispielsweise die „Hexe Huckla“, ein Kindermusical mit pädagogischem Inhalt geschaffen. Da war es so, dass diese bekannte Figur des Langenscheidt Verlags unsere Vorgabe war und wir das Konzept für ein Musical geschrieben haben. Langenscheidt hat dann parallel zur Tour des Musicals unsere Geschichte und Musik als Buch mit CD veröffentlicht. Aktuell schreibe ich an einem Stück, bei dem ich als Autorin in Vorleistung gehe. Es kommt aber auch vor, dass eine Firma ein neues Produkt vorstellen möchte und mich kontaktiert, damit ich eine Show für die Produktpräsentation konzeptioniere. Das wird meistens eine Show oder ein Musical. Ich bringe außerdem eigene Konzerte an den Start, zuletzt das Format „Unforgettable“ im Theater am Aegi in Hannover. Konzeption und Umsetzung machen mir großen Spaß – das ist auch eine Seite von mir.

Engagements führten Sie zu Musicals wie „Jekyll & Hyde“, „Mozart!“, „Aida“, „Marie Antoinette“ oder „West Side Story“. Parallel erarbeiten Sie auch eigene Projekte. Wie kombinieren Sie beide Bereiche?
Das lässt sich eigentlich sehr gut kombinieren. Wenn ich nicht auf einer Bühne stehe, dann schreibe ich an einem Bühnenstück, künstlerischen Konzeptionen oder Songs. Langeweile kenne ich nicht. Ich bin immer beschäftigt – was noch alles ansteht, kann man auf meiner Webseite nachlesen.

Sogar international, richtig?
Ja, das stimmt. Ich war ein halbes Jahr lang mit einer eigenen Show unterwegs, die mich sogar nach Japan und China geführt hat. In dem Rahmen habe ich auch für die japanische Prinzessin gesungen, aber das hat man in Deutschland natürlich nicht mitbekommen.

Kann man also sagen, dass Sie im Showbusiness zu Hause sind?
Ja, so kann man das sagen. Etwas anderes hat mich nie genug interessiert und mein Herz schlägt zu stark für die Kunst, um etwas anderes zu machen. Natürlich gehören Niederlagen auch dazu. Dieser Job ist ein ständiges „Up and Down“. So ist das Business. Das muss man akzeptieren und sich darauf fokussieren, worum es tatsächlich geht; um die Kunst, die Möglichkeit, etwas zu kreieren und seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Die Art der Darstellung ist für mich dabei sekundär.

Würden Sie Ihre großen Hauptrollen, die Sie gespielt haben, heute noch genau so spielen oder anders anlegen? Wenn wir zum Beispiel an Rollen wie Lucy in „Jekyll & Hyde“ oder „Constanze“ in „Mozart!“ denken.
Das ist eine sehr interessante Frage, mit der ich mich noch gar nicht näher beschäftigt habe. Es kommt dabei sehr auf die Rolle an. Auch wie oft und wie lange ich sie gespielt habe. Oder wie intensiv der Probenzeitraum war. Ich denke, mein Grundverständnis für manche Rollen ist noch immer gleich. Andere würde ich ganz anders anlegen. Sicher wächst man auch an jeder Rolle und lernt dazu. Es hängt natürlich auch immer mit dem jeweiligen Regisseur zusammen, was der von einem möchte. Ich habe ja in Essen die Amneris in „Aida“ gespielt und einige Jahre später noch mal in Chemnitz. Und ich denke, dass ich die Rolle in beiden Inszenierungen sehr ähnlich angelegt habe. Bei Audrey in „Der kleine Horrorladen“ war es dagegen anders, weil ich in einer späteren Inszenierung Dinge intensiver verstanden und wahrgenommen habe. Die Lucy in „Jekyll & Hyde“ durfte ich in vier verschiedenen Produktionen spielen und hatte jedes Mal andere Vorgaben. In jedem Fall ist es immer interessant, seine eigene Arbeit zu betrachten. Im Grunde also wie bei einem Film, den man sieht und dem man Jahre später ganz neue Aspekte abgewinnen kann.

Zuletzt haben Sie die Mrs. Lovett in „Sweeney Todd“ am Staatstheater Braunschweig gespielt. Schwere Kost. Oder ist Stephen Sondheim gar nicht so schwere Kost?
Doch, es ist schwere Kost. Aber auch eine wunderbare. Wenn man die Musik verstanden und öfter gehört hat, erscheint sie einem plötzlich ganz logisch. Es war schon sehr anspruchsvoll und ich war mir anfangs nicht sicher, ob ich die Rolle hinbekomme. Die Mrs. Lovett ist sehr komplex und sehr viel auf der Bühne. Sie hat komplizierte Rhythmen und Melodieführungen. Das war für mich eine ganz große Herausforderung. Als ich dann den Zugang zu der Rolle gefunden hatte, konnte ich loslassen. Was nicht heißt, dass ich sie einfach runterspielen konnte – ich musste in jeder Sekunde achtsam sein. Das war für mich auf der Bühne, als hätte ich permanent eine Matheaufgabe zu lösen. Aber es hat großen Spaß gemacht. Und die Mrs. Lovett gehört zu meinen absoluten Lieblingsrollen!

Wie haben Sie so eine anspruchsvolle Rolle wie Mrs. Lovett erarbeitet?
Ich habe mir verschiedene Mrs. Lovetts angesehen, um Inspiration zu finden. Manche haben mir besser gefallen, manche weniger. Das habe ich herauszufiltern versucht. Ich musste ja schauen, etwas zu finden, das kompatibel mit meiner Persönlichkeit ist. Ich musste mich fragen: Passt das zu Maricel? Da sowohl ich als Mrs. Lovett als auch unser Sweeney-Darsteller Markus Schneider jünger waren als die Rollenprofile eigentlich vorgeben, mussten wir sowieso etwas anders machen. Und da haben wir dann zusammen mit unserem Regisseur Philipp Kochheim eine Darstellung erarbeitet, die zur Story und Inszenierung passte. Wir durften sehr frei und amüsant die Rollen umsetzen, ohne eine One-Man- oder One-Woman-Show daraus zu machen. Alles musste eben auch der Inszenierung dienen. Das war eine wirklich tolle Arbeit.

Und ist Sweeney böse oder wurde er böse durch das, was ihm widerfahren ist?
In unserer Inszenierung war es so, dass die Story aus der Sicht von Sweeney erzählt wurde und es aus seiner Sicht etwas Böses in jedem Menschen gibt. Weder Johanna noch Anthony sind einfach nur gut. Alle sind vielschichtig. Jeder hat Dreck am Stecken. Im Prinzip ist es eine Betrachtung einer einzelnen Person, wie sie die Gesellschaft sieht. Und Sweeney ist dabei genauso gut oder böse wie jeder andere Charakter. So zumindest war es in unserer Inszenierung. Eine interessante Betrachtungsweise, finde ich.

Interview: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Medienberater, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze des Onlinemagazins thatsMusical. Als Regisseur verantwortete er unter anderem das Pop-Oratorium "Die 10 Gebote", außerdem schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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