Gino Emnes, Foto: Dominik Lapp, kulturfeder.de
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Interview mit Gino Emnes: „Ich muss überzeugen“

In Deutschland kennt man Gino Emnes seit 2001, als er bei der Deutschlandpremiere von Disneys „Der König der Löwen“ als Simba auf der Bühne stand. Mittlerweile ist der Niederländer von deutschsprachigen Musicalbühnen nicht mehr wegzudenken, spielte er doch zahlreiche Rollen in Musicals wie „Hairspray“, „Rocky“ oder „Sister Act“. Aktuell zieht er als Drag Queen Lola im Musical „Kinky Boots“ das Hamburger Publikum in seinen Bann. Im Interview spricht er über diese besondere Rolle und die Botschaft von „Kinky Boots“, aber auch über seinen Karriereweg und sein kürzlich veröffentlichtes Soloalbum.

Ihren Durchbruch in Deutschland hatten Sie im Jahr 2001 als Simba bei der deutschsprachigen Erstaufführung von Disneys „Der König der Löwen“. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Wow, das ist eine sehr schöne Zeit gewesen, aber sehr lange her. Es war alles ganz neu. Wir waren die ersten, die in dem neuen Theater gespielt haben. Wir waren eine riesige Gruppe nicht deutscher Leute, die damals den „König der Löwen“ auf Deutsch inszeniert hat. Das war eine wunderschöne Erfahrung.

Inwiefern haben Sie sich in den letzten 17 Jahren weiterentwickelt?
Oh, 17 Jahre! (lacht) Eigentlich sind es sogar noch mehr Jahre, denn ich hatte zuvor in den Niederlanden auch schon eine Karriere. Das hat mir sehr viel gegeben damals. Es war für mich das erste Mal, dass ich im Ausland gearbeitet habe. Es war eine Disney-Show und es hat mir unfassbar viel gegeben. Ich sprach damals überhaupt kein Deutsch, das Stück kannte ich nicht und wir waren alle keine Deutschen, hatten aber das Talent, die Show zu machen. Das hat mir deshalb viel gegeben, weil ich gesagt habe, dass ich die Welt sehen und reisen möchte. Für mich war das einer dieser Punkte in meiner Karriere, wo ich gemerkt habe, dass es egal ist, ob man einen versteht, wenn man es spürt. Ich habe damals mit einer Nala-Darstellerin geprobt, die weder Deutsch noch Englisch sprach. Sie hat ihre Texte am Anfang auf Italienisch gesagt, weil sie es einfach noch nicht kannte. Ich habe es trotzdem verstanden. Und da habe ich gemerkt: Wenn man ehrlich ist, ist es egal, was man spricht. Natürlich sollte man auf einer Bühne in Deutschland verstehen, was ich sage. Aber ich muss mit meiner Kraft und meinem Talent überzeugen und senden, damit das Publikum etwas empfängt.

Klar, es wird im Theater natürlich auch viel über Gefühle und Emotionen transportiert.
Genau.

Jetzt aktuell spielen Sie Lola im Musical „Kinky Boots“. Was ist Lola für ein Charakter?
Lola ist Simon, der sich oft als Frau verkleidet, weil er sich in Frauenklamotten stärker fühlt. Er hat viel erlebt und findet in Lola eine Persönlichkeit, wo er das alles vergessen und leichter die Welt sehen kann. Lola ist sehr witzig und selbstsicher.

Und Lola trägt High Heels. Die kannten Sie ja bereits aus der „Rocky Horror Show“, wo Sie Frank’n’Furter gespielt haben. Gibt es Parallelen zwischen Frank’n’Furter und Lola? Also außer den High Heels.
Das wollte ich gerade sagen. (lacht) Ich glaube, beide haben das Gefühl, einfach zu sein. Damit meine ich, dass wir uns in der heutigen Gesellschaft sehr oft darüber Gedanken machen, was andere Menschen von uns denken könnten. Lola und Frank’n’Furter haben aber Figuren entwickelt, die sagen, dass ihnen das egal ist, dass sie einfach sind, wie sie sind. Das haben beide gemeinsam.

Gino Emnes, Foto: Morris Mac Matzen

Nun ist „Kinky Boots“ ja nicht nur eine Gute-Laune-Show, sondern hat auch eine wunderbare Botschaft, die gerade in unserer heutigen Zeit nicht aktueller sein könnte. Was ist das für eine Botschaft?
Ich muss dazu immer wieder sagen: Leider ist es so, dass diese Botschaft auch im Jahr 2018 noch immer so wichtig ist. Leider ist das Anderssein immer noch ein Thema. Die Botschaft ist einfach: Sei du selbst und akzeptiere nicht nur andere, sondern auch dich selbst. Ich glaube, das ist ein riesiger Schritt, den wir alle machen wollen. Aber vielleicht brauchen wir ein Leben lang, um das zu können, jemanden ganz so zu akzeptieren, wie er ist.

Was macht es mit Ihnen als Künstler, als Lola so eine große Bandbreite an Gefühlen abzurufen? Sie müssen ja einerseits bei einer Nummer wie „Land of Lola“ eine große Show abliefern und das Publikum mitreißen und später rühren Sie alle zu Tränen.
Ich bin als Schauspieler unglaublich dankbar für so eine Rolle. Es zeigt, warum ich das mache, was ich mache. Ich bin den Produzenten, die mir diese Rolle gegeben haben, sehr dankbar, weil ich wieder eine total andere Seite zeigen kann. Und was ich mir jeden Abend wieder wünsche, ist, die Geschichte zu erzählen – meine Geschichte. Man kann auch Ginos Geschichte sagen, aber es ist Simons Geschichte, wie ich sie interpretiere, wie ich die Wahrheit für ihn sage. Und da das Stück so gut geschrieben ist, muss ich nur meine Wahrheit spielen – und die Leute werden hoffentlich mit auf die Reise gehen und das spüren, was da zu spüren ist. Ob das jetzt Lola ist, die im Nightclub tanzt und singt oder ob es Simon ist, der seine Geschichte und von seinen schweren Zeiten erzählt.

Wie sehr lassen Sie die Emotionen so einer Rolle an sich heran? Kann man das ganz klar voneinander trennen?
Ich denke, als Schauspieler nehmen wir schon Sachen aus unserem Leben mit in die Rolle. Ich bekomme eine Beschreibung meines Bühnencharakters, muss aber nicht selbst alles erlebt haben, was meine Rolle erlebt hat, um zu spüren oder zu wissen, was sein könnte. Jeder ist unsicher oder mal unsicher gewesen und denkt sich, man wäre gern hübscher oder schlanker oder hätte eine andere Hautfarbe. Dann würde man von mehr Leuten akzeptiert werden oder sich selbst cooler finden. Aber ich muss nicht privat in Frauenklamotten herumlaufen, um mich stärker zu fühlen. Aber sich unsicher zu fühlen und etwas anderes zu begehren, kann ich absolut nachvollziehen. So kommt es aus mir heraus und so versuche ich es, in die Rolle hineinzubringen.

Sie sind kein deutscher Muttersprachler, haben aber trotzdem kürzlich ein Album mit Songs hauptsächlich in deutscher Sprache herausgebracht. Warum haben Sie sich für Deutsch entschieden?
Ich bin Niederländer und habe mich für Deutsch entschieden, weil ich in Deutschland lebe. Es gibt drei Sprachen, die ich hätte machen können: Englisch, Deutsch oder Niederländisch. Niederländisch ist aber raus gewesen, weil ich dann zwar eine schöne niederländische CD in Deutschland gehabt hätte, die aber vielleicht nur fünf Leute verstanden hätten. Englisch ist für mich genauso eine Fremdsprache wie Deutsch. Also habe ich mir gedacht, ich bin in Deutschland und das Album ist für das Publikum in Deutschland – zwar nicht nur, aber ich lebe hier, also mache ich es auf Deutsch. Auch weil ich die Sprache sehr schön finde. Ich glaube, für das Publikum hierzulande, das mich jeden Abend in „Kinky Boots“ sieht, kommt eine CD auf Deutsch einfach näher. Natürlich versteht jeder Englisch, aber auch für Deutsche ist Englisch nur eine Zweitsprache oder Fremdsprache. Also haben wir uns entschieden, es auf Deutsch zu machen.

Neben den deutschen Songs haben sie mit „Ik hou van jou“ auch eine Nummer in Ihrer Muttersprache dabei. Warum ist ausgerechnet dieser Song auf Niederländisch? Fällt es in der Muttersprache leichter, jemandem „Ich liebe dich“ zu sagen?
Oh, schöne Frage! Es ist sogar noch eine weitere Sprache auf der CD vertreten. Der letzte Song des Albums ist in Papiamentu, der Sprache meiner Mutter, die man auf der Karibikinsel Aruba spricht. Aber ich bin Niederländer und das ist ein riesiger Teil von mir. Also habe ich gesagt, dass ich auch gern einen Song auf Niederländisch haben möchte. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Leichter ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber es ist kräftiger. Es ist einfacher, „I love you“ zu sagen. Aber dieser Wert von „Ich liebe dich“ ist etwas ganz anderes. Wir können zu jedem „I love you, I love you, oh, I love you“ sagen. Auch „Ich liebe dich“ ist nicht meine Sprache. Bevor ich allerdings „Ik hou van jou“ sage, muss ich erst noch mal schlucken. Das würde ich nicht jedem sagen und ich würde vorher noch einmal darüber nachdenken, ob ich wirklich meine, was ich sage. Es ist immer etwas näher, wenn man etwas in seiner Muttersprache sagt.

Was war der Grund, dieses Album zu veröffentlichen?
Nachdem ich so viele Jahre auf der Bühne gestanden habe, davon sehr lange in Deutschland, wollte ich den Leuten die Chance geben, mich besser kennen zu lernen. In den letzten Jahren habe ich so viele unterschiedliche Rollen gespielt, dass ich oft das Gefühl hatte, dass die Leute mich nicht richtig einordnen konnten. Was ist mit Gino? Ist er der Prinz? Was ist er? Was spielt er? Viele Darsteller spielen Rollen in einer Kategorie, aber da ich so viele unterschiedliche Sachen gespielt habe, wollte ich, dass die Leute mich als Gino kennen lernen. Und die Songs spiegeln Teile aus meinem Leben wider. Da gibt es Themen wie Abschied zu nehmen, jemanden zu lieben, dankbar zu sein, dass jemand da ist. Das sind Themen, die mich beschäftigen und mich in meinem Leben beschäftigt haben. Deswegen gibt es das Album.

Interview: Dominik Lapp

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Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Medienberater, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze des Onlinemagazins thatsMusical. Als Regisseur verantwortete er unter anderem das Pop-Oratorium "Die 10 Gebote", außerdem schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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