„Godspell“, Foto: Oliver Hummell, www.oliverhummell.com
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Feuertaufe geglückt: „Godspell“ in Kamp-Lintfort

Mit dem eher schwachen Musical „Godspell“ ist dem Verein Stage Focus um Regisseur Matthias Knaab in der Stadthalle Kamp-Lintfort die Feuertaufe geglückt. Feuertaufe, weil es für den Verein, der seit vielen Jahren schon Musicalgalas auf die Bühne bringt, die erste abendfüllende Musicalproduktion war. Feuertaufe auch, weil es für Matthias Knaab die erste Regiearbeit war. Und eines muss man neidlos anerkennen: Sich ausgerechnet an „Godspell“ zu wagen, erfordert eine gehörige Portion Mut.

Das Stück von Stephen Schwartz aus den 1970er Jahren ist hierzulande eher unbekannt und wird nur sehr selten gespielt. Es gilt als eines der am schwierigsten zu inszenierenden Musicals. Und es ist ganz sicher nicht jedermanns Sache, was sich auch in der Premierenvorstellung zeigt, bei der ein paar wenige Besucher die Vorstellung bereits zur Pause vorzeitig verlassen.

Aber „Godspell“ ist durchaus spannend – in Kamp-Lintfort zumindest spannend inszeniert und umgesetzt – obwohl man eine Handlung, einen roten Faden, vergeblich sucht. Zwar folgt das Stück dem Matthäus-Evangelium von der Taufe bis zu Verrat, Gefangennahme und Kreuzigung von Jesus. Doch handelt es auch von der Bildung einer Gemeinde, von Freude und Liebe zum Leben.

Regisseur Matthias Knaab und seine Co-Regisseurin Franziska Polten, die zusätzlich für die Choreografie verantwortlich zeichnet, stellen die Gemeindebildung in den Fokus ihrer Inszenierung und lassen zehn Frauen und sechs Männer, von denen nur Jesus und Judas namentlich bekannt sind, ein Kammerspiel aufführen – das gelingt mal mehr und mal weniger witzig, mal auf den Punkt, mal reichlich überzogen (zum Beispiel eine Beatboxnummer).

Ohnehin braucht das Stück, dessen erster Akt viel zu lang ist, bis es in Fahrt kommt. Doch wenn man sich darauf einlässt, die kleinen Bibelgeschichten für sich wirken zu lassen und nicht verzweifelt einen roten Faden zu suchen, ist „Godspell“ sogar ganz unterhaltsam – vor allem, weil es unglaublich gut inszeniert wurde und von den Amateurdarstellern exzellent gespielt wird.

Schnell entsteht eine Gruppendynamik, die mitzureißen vermag. Die Spielfreude ist jedem Akteur ins Gesicht geschrieben, jede noch so kleine Rolle immerzu präsent. Selbst bei den gesanglichen Leistungen gibt es keine nennenswerten Ausreißer, kleinere Defizite werden einfach durch überzeugendes Schauspiel ausgeglichen.

Und auch optisch kann „Godspell“ überzeugen: Während das Stück laut Angabe im Programmheft andernorts oft mit Jesus und seinen Jüngern als eine Art Clowns oder gar in Alltagskleidung inszeniert wurde, haben sich die Kostümverantwortlichen Belinda Masur und Franziska Polten in Kamp-Lintfort für „trashige Harlekins“ im Vintage-Stil entschieden. Alle Akteure sind harlekinartig geschminkt, tragen Karohosen, Tüllröcke, Samtblazer, Lederarmbänder und Doc Martens, was hervorragend aussieht und auch wunderbar das karge Bühnenbild – bestehend aus Metallzäunen, Traversen, Holzquadern – von Belinda Masur ergänzt.

Arne Sell als Jesus und Stephan Jacob-Emmert als Judas führen die Solistenriege an, zu der Lara Pagel, Brian Becker, Susanne Zimmer, Dominik Held, Jasmin Bala, Rebecca Köpke, Niklas Schubert, Julia Koch, Stephan Schuld, Jennifer Feldmannm Svenja Jesse, Belinda Masur, Jolene Schäfer und Ilena Stengel gehören. Ungewöhnlich mag es erscheinen, dass an dieser Stelle nun keiner dieser Darsteller besonders hervorgehoben wird. Doch wie bereits erwähnt, lebt das Stück von der Gruppendynamik. Das Zusammenspiel bei „Godspell“ ist so stark und homogen, dass es unfair erschiene, einzelne Namen hervorzuheben.

Einen kleinen Wermutstropfen gibt es allerdings zu beklagen: Während Komponist Stephen Schwartz für seine anderen Musicals oftmals einen großartigen Score komponiert hat, plätschert seine Musik bei „Godspell“ nur so vor sich hin. Es gibt zwar ein paar nette rockige Ensemblenummern, aber insgesamt bleibt von den Melodien nichts im Ohr. Ohne die starke Regie und Choreografie und die optisch fabelhafte Umsetzung hätte dieses Stück insgesamt ziemlich verloren. Doch der Einsatz aller Beteiligten in Kamp-Lintfort zeigt, dass man auch aus einer eher schwachen Vorlage das Bestmögliche herausholen kann. Den Mut, dieses Stück auf die Bühne zu bringen, belohnt das Premierenpublikum mit begeistertem Applaus. Feuertaufe gelungen.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Medienberater, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze des Onlinemagazins thatsMusical. Als Regisseur verantwortete er unter anderem das Pop-Oratorium "Die 10 Gebote", außerdem schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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