Foto: Dominik Lapp
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Ein derber Spaß: „Avenue Q“ in Bielefeld

Die Bewohner der „Avenue Q“ lassen es im Stadttheater Bielefeld ganz schön krachen. Das gefällt nicht jedem und so bleiben nach der Pause einige Sitzplätze im Auditorium leer. Zugegeben, der Humor und die Sprache in dem Musical von Robert Lopez, Jeff Marx und Jeff Whitty sind schon recht derb. Doch insgesamt verspricht das Stück richtig gute Unterhaltung.

So putzig die Puppen von Birger Laube auch aussehen – für Kinder ist „Avenue Q“ sicher nichts und deshalb verwundert auch die Altersempfehlung ab 16 Jahren nicht. Themen wie Homosexualität, Arbeitslosigkeit, Sex und Pornografie dominieren die Handlung einerseits erschreckend real und andererseits doch immer mit einem ironischen Augenzwinkern.

Das Bühnenbild von Udo Herbster, der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, ist einfach, aber zweckdienlich und nimmt das Publikum mit nach New York in die „Avenue Q“, wo allerhand kuriose Puppen neben drei Menschen in einem grauen Klinkerbau mit Garage wohnen. Durch die aufklappbare Fassade wird der Blick in die Wohnungen freigegeben – mehr braucht es nicht.

Regisseur Nick Westbrock erlaubt sich keine Experimente, sondern zeigt das Stück sehr ähnlich wie man es bereits auf anderen Bühnen gesehen hat. Das ist nicht weiter schlimm, denn „Avenue Q“ lebt insbesondere von den Puppen und dem Puppenspiel, bei dem die Darsteller eine Symbiose mit ihren Puppen bilden müssen. Hier hat man in Bielefeld ein wirklich glückliches Händchen bewiesen, denn das achtköpfige Ensemble agiert absolut homogen.

Mit sichtlicher Begeisterung und Hingabe erwecken die Darsteller ihre Puppen zum Leben und legen den Fokus auf ebendiese. Dass alle Künstler, die eine Puppe spielen, komplett schwarz gekleidet sind, macht es dem Publikum dabei noch einfacher, vornehmlich auf die plüschigen Gesellen zu achten. Wagt man aber doch mal einen Blick auf die Darsteller, ist es großartig anzusehen, wie einfühlsam sie ihre Mimik und Gestik auf die Puppen übertragen.

In seiner Doppelrolle als Princeton und Rod ist Thomas Klotz absolut hinreißend. Er singt mit Gefühl, spricht und spielt auf den Punkt. Doch Stefanie Köhm steht ihm als Kate Monster in nichts nach. Sie ist so liebenswürdig in ihrem Spiel, spricht und singt mit angenehm sanfter Stimme – ihre Kate Monster muss man einfach ins Herz schließen. Auch im Zusammenspiel sind Klotz und Köhm perfekt.

Michaela Duhme zeigt als Lucy D. Schlampe, Lavinia Semmelmöse und als Umzugskarton ein sehr breites Spektrum ihres Könnens, während Benedikt Ivo insbesondere als Trekkie Monster mit dessen „Porno“-Rufen für Lachsalven sorgt. Ohnehin ist der Song „Das Internet ist für Pornos“ eine der witzigsten Nummern im Stück, die maximal noch getoppt wird durch die Szene, in der es zwischen Princeton und Kate im Bett richtig zur Sache geht.

Katharina Schutza übernimmt ebenfalls das Spiel von gleich mehreren Puppen, kann aber insbesondere mit den Bullshit-Bären punkten – hierbei hat sie etliche Lacher auf ihrer Seite. Die einzigen, die keine Puppen, sondern menschliche Rollen spielen, sind Martin Christoph Rönnebeck als arbeitsloser Brian, Anna Mari Takenaka als dessen Partnerin Christmas Eve und Norbert Kohler als Hausmeister Daniel Küblböck. Sie komplettieren die starke Cast und nutzen ihre Rollen perfekt.

Während Rönnebeck und Takenaka im Zusammenspiel wunderbar harmonieren, begeistert Kohler durch seine zahlreichen Anspielungen auf den ehemaligen DSDS- und Dschungelcamp-Teilnehmer. Fraglich ist nur, wie lange Daniel Küblböck als Charakter in der deutschen Version von „Avenue Q“ noch funktionieren wird – spätestens in ein paar Jahren wird man mit dem Namen wohl nicht mehr viel anfangen können. Doch sei’s drum: In Bielefeld funktioniert der Part noch sehr gut und unterhält das Publikum aufs Beste.

Im Orchestergraben hat eine sechsköpfige Band Platz genommen, die unter der versierten Leitung von William Ward Murta absolut hörenswert aufspielt. Wenn die Musik von Robert Lopez, der unter anderem die Musik zum Disney-Erfolgsfilm „Frozen“ beisteuerte, auch keine großen Höhepunkte bereithält, so geht sie immerhin schnell ins Ohr und treibt die Handlung gut voran.

So bietet „Avenue Q“ letztendlich richtig gute Unterhaltung. Das Stück ist derb, frech und provozierend, ohne in totale Peinlichkeit abzudriften. Wer einen unterhaltsamen, aber auch mal leicht ordinären Musicalabend fernab des Mainstreams erleben möchte, sollte sich also schleunigst auf den Weg nach Bielefeld machen. Ja, die Stadt gibt es wirklich – und durch sie führt jetzt die „Avenue Q“!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Medienberater, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze des Onlinemagazins thatsMusical. Als Regisseur verantwortete er unter anderem das Pop-Oratorium „Die 10 Gebote“, außerdem schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe „Auf ein Wort“.

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