Dominik Lapp (Foto: Ruben Silberling)
  by

Kommentar: First World Problems – oder: Warum der Popcorn-Verkauf im Theater nicht verboten gehört

Musical-Deutschland ist in Aufruhr. Branchenprimus Stage Entertainment hat sich doch tatsächlich erdreistet, Popcorn in den Theatern der Unternehmensgruppe zu verkaufen. Fans laufen Sturm, eine Petition, um den Popcorn-Verkauf zu verbieten, wurde ins Leben gerufen. Tja, das sind sie also, die „First World Problems“. Ich glaube, es gibt auf der Welt viel schlimmere und größere Probleme als Popcorn im Theater. Ich bestreite gewiss nicht, dass es nervt, wenn im Zuschauerraum gegessen oder getrunken wird. Auch ich möchte gern eine Theatervorstellung in Ruhe genießen. Aber dafür muss ich nicht den Veranstalter verantwortlich machen, sondern die unverschämten Zuschauer. Das ist ein Problem unserer egoistischen Gesellschaft. Genauso wie Menschen, die in der Bahn ihre Füße auf den Sitz legen oder mit ihrer Tasche einen Sitzplatz blockieren.

Komischerweise regt sich niemand darüber auf, dass im Kino Popcorn gegessen wird – oder in den ach-so-hochgelobten Londoner Theatern. Oder schon mal bei den Freilichtspielen in Tecklenburg gewesen, wo das Publikum während der Vorstellung die Sektkorken knallen lässt, Käsecracker und Mini-Cabanossi herumgereicht werden? Stört es da nicht? Warum nicht? Weil es dazugehört? Weil die Preise günstiger sind? Es stört. Egal wie teuer oder günstig die Eintrittskarte war. Aber auch das spricht für unsere Gesellschaft: Wenn ich wenig bezahlt habe, stört mich so was nicht. Zumindest aber nehme ich es hin. Wenn ich viel bezahlt habe, habe ich Anspruch auf eine störungsfreie Vorstellung. Quatsch. Wenn neben mir jemand etwas isst, stört das.

Letztendlich muss man aber an den gesunden Menschenverstand der Zuschauer appellieren. Es würde mir im Traum nicht einfallen, während einer Theatervorstellung etwas zu essen oder zu trinken. Außerdem müsste man letztendlich alles im Theater verbieten. Es nervt auch, wenn Leute im Zuschauerraum husten, sich unterhalten, die Lieder mitsingen, mit Bonbontüten rascheln oder wenn Fans das Ende eines Lieds zerjubeln oder zerklatschen. Erinnert sich noch jemand daran, wie Pia Douwes in den 1990er Jahren am Bühneneingang in Wien Zettel mit Regeln an Fans verteilt hat? Dabei ging es zum Beispiel darum, dass die Darsteller ihre Songs gern in Ruhe aussingen wollten – ohne dass noch während des Liedes Jubel oder Applaus aufbrandete.

Doch zurück zur Causa Popcorn. Die Stage hat wohl mittlerweile reagiert und will das Essen im Saal wie früher schon untersagen. Das Saalpersonal soll das verstärkt kontrollieren. Super. Warum sollte man aber den Verkauf von Popcorn komplett einstellen? Was soll das ändern? Dann darf konsequenterweise gar nichts mehr im Foyer verkauft werden. Und trotzdem wird es immer noch Leute geben, die neben einem sitzen und mit der Bonbondose oder der Gummibärchentüte lärmen. Mich stört es auch, wenn im Saal jemand neben mir nach Zigarette stinkt, weil er in der Pause geraucht hat. Dabei werden doch gar keine Zigaretten im Foyer verkauft. Es stört auch, wenn der Sitznachbar eine Bierfahne hat. Den Bierverkauf im Foyer also verbieten? Wo kommen wir da hin? Vielleicht sollte man eine Petition starten, um Publikum gar nicht mehr ins Theater zu lassen.

Das wirklich perverse an der ganzen Diskussion: In anderen Teilen der Welt bekommen Menschen ihre Dächer über dem Kopf weggebombt, haben keinen Zugang zu Trinkwasser oder nichts zu essen – und wir, die den Luxus haben, mehrmals im Jahr ins Theater zu gehen und uns an Kunst und Kultur zu erfreuen, regen uns über Popcorn im Theater auf? Ernsthaft? Wo andere Menschen wahrscheinlich nicht einmal in ihrem Leben ein Theater von innen sehen werden? Ich bin sprachlos. Besinnen wir uns doch einfach mal wieder auf die wirklich wichtigen Dinge in dieser Welt. Und vor allem: Sprechen wir Störenfriede im Theater doch einfach auf ihr Fehlverhalten an, statt uns in sozialen Medien auszukotzen – dort erreicht es die „Übeltäter“ sowieso nicht.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze eines Onlinemagazins. Als Regisseur verantwortete er die Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie eine Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Es gelten unsere Bedingungen zum Datenschutz sowie zur Nutzung / AGB. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen