Nina Janke (Foto: Dominik Lapp)
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Interview mit Nina Janke: „Ich bin sehr emotional“

In Gute-Laune-Musicals wie „Ich war noch niemals in New York“ und „Mamma Mia!“ oder zuletzt im Wolfgang-Petry-Musical „Wahnsinn!“ stand Nina Janke schon auf der Bühne. Aber sie spielte auch an der Seite ihres Cousins Jens Janke in „Tanz der Vampire“ und ist jetzt bereits den zweiten Sommer in Folge in der Rolle der Charlotte Drake Cardoza im Musical „Titanic“ bei den Bad Hersfelder Festspielen engagiert. Im Interview erzählt die Künstlerin sehr viel über ihre Rollenarbeit bei „Titanic“, aber auch über eine andere Rolle, die ihr ans Herz gewachsen ist und verrät, was ihr Cousin mit ihrer Musicalausbildung zu tun hat.

Im Musical „Titanic“ spielen Sie die Erste-Klasse-Passagierin Charlotte Drake Cardoza. Was ist das für eine Person?
Wir haben mit unserem Regisseur Stefan Huber viel über die Biografien unserer Charaktere gesprochen. Aber nicht nur über die im Stück namentlich genannten Personen, sondern auch über Personen, die wirklich an Bord der Titanic waren, jedoch im Musical nicht erwähnt werden. Charlotte Drake Cardoza wird im Stück allerdings etwas anders dargestellt als sie wirklich war. Die echte Cardoza war mit ihrem Sohn an Bord der Titanic. Sie hatte zwar die teuerste Suite gebucht, aber sie reiste nicht allein, sondern hatte ihre Zofen dabei. Das wird im Musical aber nicht näher beleuchtet. Unser Regisseur wollte, dass ich als Cardoza vor allem geheimnisvoll bin.

Das klingt sehr interessant. Wie sind Sie dann vorgegangen, um Cardoza geheimnisvoll erscheinen zu lassen?
Die erste Szene, die wir geprobt haben, war „Eine Zeit voller Glanz und Pracht“. In der Szene gibt es nur Paare unter den Erste-Klasse-Passagieren – außer Cardoza und den Major. Der Major ist aber so ein skurriler Charakter, der kommt auch allein klar. Also habe ich meine Rolle so angelegt, dass Cardoza alle Menschen hasst. Cardoza ist Einzelgängerin. Entsprechend ist auch mein Blickkontakt zu den Männern in der Szene verachtend. Ich verachte sie und denke mir nur, dass das alles arme Würstchen sind. Als wir später die Ragtime-Szene geprobt haben, habe ich ihren Charakter weiterentwickelt. Cardoza hasst zwar Menschen, aber sie liebt Musik. Sie ist provokativ, trägt deshalb auch als einzige Erste-Klasse-Passagierin Hosen und kein Kleid. Sie provoziert auch, indem sie als Frau in den Rauchsalon geht und sich dort auch noch eine Zigarette anzündet. Aber Cardoza ist nicht nur provokant, sie ist auch unheimlich intelligent und am Ende, wenn es in die Rettungsboote geht, sehr emotional. Das liegt auch daran, dass ich selber sehr emotional bin. Da bin ich sehr froh, dass mir die Regie an dieser Stelle keinen Riegel vorgeschoben hat, sondern dass ich Emotionen zeigen darf.

Aber wer ist Cardoza nun kurz zusammengefasst?
Cardoza ist geheimnisvoll und provokant. Es ist ein großes Geheimnis, wie sie zu ihrem Reichtum kam. Und obwohl sie reich ist, kann sie mit der snobistischen Gesellschaft nichts anfangen. Wenn sie die Wahl hätte, hätte sie lieber kein Geld, sondern würde einfach so leben wie sie will.

Wie bereitet man sich als Schauspielerin auf so eine Rolle vor?
Die Vorbereitung beschränkt sich zunächst mal aufs stumpfe Auswendiglernen des Textes – sowohl von den Szenen als auch von den Songs. Hier muss ich auch sagen, dass kleinere Rollen oft viel schwieriger zu erarbeiten sind als große. Bei großen Rollen mit viel Textanteil musst du meist nur deinen Text lesen und weißt schon, wohin sich dein Charakter entwickelt. Bei einer kleinen Rolle, bei der du vielleicht nur eine Szene hast, ist es viel schwieriger, deinen Charakter zu entwickeln. Was ich in der Zusammenarbeit mit Stefan Huber als Regisseur sehr schätze, ist, dass er einem kein Schemata vorgibt. Vielmehr entwickelt man zusammen etwas.

Mir kommen zum Beispiel die besten Zugänge zu einer Rolle immer beim Joggen. Ich mache mir nicht schon Wochen vorher Gedanken, wie ich einen Charakter anlege. Das ergibt sich bei mir immer erst im Laufe des Probenprozesses. Wenn ich weiß, was generell in einer Szene passiert, kann ich mir Gedanken dazu machen, wie ich mich dazu verhalte. Ich gehe da nicht mit einem festen Plan in die Proben, sondern improvisiere lieber etwas. Als ich bei der Rettungsbootszene gemerkt habe, dass mich das emotional sehr packt, habe ich mich auch gefragt: Okay, diese Emotionen packen mich als Nina Janke, aber wie schaffe ich es, diese Emotionen auch auf Charlotte Drake Cardoza zu übertragen, so dass es Sinn macht? Wenn man so ein Stück dann irgendwann im Ablauf probt, findet sich auch noch ganz viel, weil man dann total in der Rolle ist.

Macht es denn einen Unterschied, ob Sie eine fiktive Person spielen oder eine Person, die wirklich einmal existierte?
Ich glaube, das muss ich etwas größer betrachten. Es ist gar nicht unbedingt die Rolle an sich, sondern das Stück. Bei „Titanic“ sind das besonders solche Szenen wie die besagte Rettungsbootszene oder die Szene vom Ehepaar Strauss, wo man sich als Künstler entweder distanziert und es als Theaterszene sieht oder aber sich klarmacht, dass das wirklich einmal geschehen ist. Das finde ich ziemlich krass. In Zeiten der Flüchtlingskrise ist das ja auch noch erschreckend aktuell, dass Leute auf einem Schiff ertrinken und Familien getrennt werden. Wenn man sich bei „Titanic“ vor Augen hält, dass das wirklich passiert ist und es diese Menschen wirklich gab, bringt einen das als Schauspieler definitiv noch viel näher ran.

„Titanic“ wurde in Bad Hersfeld wirklich sehr emotional inszeniert von Stefan Huber. Aber selbst freudige Szenen wie der Song „In Amerika“ kommen für den Zuschauer unglaublich authentisch rüber. Wie ist das gelungen?
Stefan Huber hat jedem von uns in dieser Szene Charaktere zugeteilt. Das zeichnet ihn auch als tollen Regisseur aus, dass er sich so viele Gedanken gemacht hat und man immer das Gefühl hat, dass man sich bei ihm in wirklich guten Händen befindet. Als Schauspieler bei „Titanic“ ist es sehr nützlich, wenn du dir selbst als namentlich nicht genannter Dritte-Klasse-Passagier einen Namen einprägen kannst, einen Charakter darstellst, der wirklich einmal existiert hat und der eine entsprechende Biografie hat. Wir haben zu Beginn nur die Namen genannt bekommen, die wir in der Szene darstellen.

Dann haben wir über diese Personen recherchiert und in einer Probe eine komplette Improvisation dazu gemacht, indem wir als die jeweiligen Charaktere Fragen beantwortet haben zu unserer Geschichte und dazu, warum wir auf dieses Schiff wollen und wer wir sind. Viele von uns sind ja in dieser speziellen Szene Figuren, die wir im Rest des Stückes nur noch beim Boarding der dritten Klasse sind. Und so wurde jeder dieser Charaktere noch greifbarer. Mein Mann ist nicht mehr der Erste-Klasse-Passagier Guggenheim und meine Tochter keine Bedienstete, sondern wir sind die schwedische Familie Skoog.

Bei dieser Probe sind so tolle Geschichten zu Tage gefördert worden – so sitzen in der Szene also keine leeren Hüllen um dich herum, sondern Charaktere mit echten Geschichten. Und jeder weiß, warum der andere hier ist. Auch bei den Rettungsbooten hat jeder seine eigene Geschichte bekommen. Der eine läuft zu dem anderen, der eine versucht den anderen zu bestechen. Da hat sich Stefan Huber hingesetzt und sich zu jedem eine kleine Geschichte überlegt, so dass das Handeln eines jeden Einzelnen nachvollziehbar ist.

Man merkt das als Zuschauer definitiv, dass da ganz viel auf der zwischenmenschlichen Ebene passiert bei „Titanic“.
Ja, das ist auch der Grundtenor, den wir immer wieder vernehmen. Stefan Huber hat uns gesagt, dass „Titanic“ ein Stück ist, das man sich selbst fünfmal ansehen kann und immer wieder etwas Neues entdeckt. Er hat uns gesagt, dass er überall hinschauen kann und uns immer sieht. Das ist für einen Künstler unglaublich, dass man nie das Gefühl hat, nur „Ensemble links“ zu spielen, sondern dass man wirklich wahrgenommen wird.

Nina Janke (Foto: Dominik Lapp)

Vor dem sehr emotionalen „Titanic“ haben Sie in vielen spaßigen Musicals wie „Wahnsinn!“, „Mamma Mia!“ und „Ich war noch niemals in New York“ gespielt. Normalerweise haben Sie also eher ein Faible für Gute-Laune-Shows?
Das hat sich einfach so ergeben. Früher habe ich mich eher in Stücken wie „Les Misérables“ gesehen und dachte immer, dass es in diese Richtung gehen würde. Bei Stage Entertainment hat man das offensichtlich anders gesehen. (lacht) Ich weiß natürlich, dass mir lustige Rollen unglaublich Spaß machen und mir auch ganz sicher liegen. Aber das hat sich irgendwie zum Selbstläufer entwickelt. Ich hatte es nicht darauf angelegt, hätte gern auch andere Rollen gespielt. Aber es kam halt so und war völlig okay. Und selbst eine Show wie „Mamma Mia!“ hat ja durchaus ihre emotionalen Momente. Ich bin sehr emotional und bei Songs wie „Durch meine Finger rinnt die Zeit“ oder „Der Sieger hat die Wahl“ laufen bei mir die Tränen. Wenn ich dauerhaft Drama spielen würde, weiß ich nicht, was das auf Dauer mit mir machen würde. Aber ich würde sehr gern noch weitere Stücke wie „Titanic“ spielen.

Aber eine Rolle wie Lisa Wartberg in „Ich war noch niemals in New York“ ist Ihnen schon sehr ans Herz gewachsen, oder?
Total. Lisa ist ganz tief in meinem Herzen.

Warum?
Es war meine erste große Hauptrolle. Und als das Stück nach Stuttgart kam, war ich die jüngste Darstellerin in dieser Rolle. Das setzt einen natürlich unter Druck. Unsere damalige Erstbesetzung hatte die Rolle bereits in Wien gespielt und die alternierende Besetzung hatte sie in Hamburg gespielt. Ich war das einzige Cover für die Rolle und hatte Lisa noch gar nicht gespielt und nicht viele Proben. Ich habe mit Lisa eine große Reise gemacht und bin da einfach reingewachsen.

Was macht die Rolle aus?
Du hast in dieser Rolle laute und leise Momente, du bist in einem ständigen Kampf mit dir selbst: Gleichzeitig forsch und selbstsicher und dennoch voller Selbstzweifel und Ängste. Die Strenge und Härte, der Sarkasmus und die Coolness sind alles Schutzmauern, damit ja niemand die wahre Lisa sieht. Es trotzdem hier und da durchblitzen zu lassen und am Ende ganz aufzumachen und pur und ehrlich zu sein, das ist es, was diese Rolle so spannend macht. Es ist eine unglaubliche Bandbreite, die du als Schauspielerin zeigen darfst. Das ist wirklich toll.

In „Tanz der Vampire“ haben Sie sogar mit Ihrem Cousin Jens Janke auf der Bühne gestanden. War das nicht irgendwie strange?
Das war total strange. Außerdem ist er ja quasi an allem schuld. (lacht)

Ihr Cousin ist also verantwortlich dafür, dass Sie auch eine Musicalausbildung absolviert haben?
Ja. Als ich zehn Jahre alt war, waren wir mit der ganzen Familie in Wien und haben Jens (hier unser Interview mit Jens Janke lesen) als Rudolf in „Elisabeth“ gesehen. Damit war meine Musical-Leidenschaft geboren. Je mehr ich mich zum Teenager entwickelt habe, desto mehr spielte das Musical eine Rolle in meinem Leben. Aber ich habe nie gedacht, dass das mal mein Beruf werden könnte. Ich habe immer gedacht, jeder braucht einen Traum und mein Traum ist das Musical – aber ich werde Lehrerin. (lacht) Ich hatte nie Gesangs- oder Tanzunterricht, habe lediglich im Chor gesungen, wo ich auch mal ein Solo hatte. Und als ich Abi gemacht habe, gab es endlich eine Theater AG, wo ich die Hauptrolle spielen durfte. Dass das dann plötzlich geklappt hat, ist kaum zu glauben. Ich hatte damals ein Praktikum im Künstlerischen Betriebsbüro des Colosseum Theaters in Essen gemacht und hatte drei Träume: Ich wollte unbedingt in diesem Haus mal auf der Bühne stehen, ich wollte mit Jesper Tydén, der damals den Tod in „Elisabeth“ spielte, auf einer Bühne stehen und ich wollte mit Jens auf einer Bühne stehen. Alles ist wahrgeworden: Während meines zweiten Studienjahrs hatte ich die Möglichkeit, in Bregenz in der „West Side Story“ mit Jesper zu spielen, im Colosseum durfte ich später bei „Ich will Spaß“ auf der Bühne stehen und der erste große Job nach der Ausbildung war im Jahr 2007 mit Jens bei „Tanz der Vampire“ in Berlin.

Zuletzt standen Sie im Musical „Wahnsinn!“ auf der Bühne. Die Spielserien in Duisburg, Berlin und München waren sehr erfolgreich, nächstes Jahr folgt eine Tour. Wie erklären Sie sich den Erfolg des Stücks?
Zum einen liegt es ganz bestimmt an den zahlreichen Fans, die Wolfgang Petry hat und die sich merkbar gefreut haben, seine Lieder nach langer Zeit einmal wieder live hören zu können. Auf der anderen Seite hat es aber auch den Menschen gefallen, die keine „Wolle-Fans“ sind und die vielleicht nicht jedes Lied kennen. Ich denke, dass „Wahnsinn!“ ein Stück ist, in dem für jeden etwas dabei ist. Es gibt vier Paare, acht Protagonisten, die lebensecht sind. Ich glaube jeder, der sich das Stück ansieht, kann sich mit mindestens einer der Figuren identifizieren. Für mich, als Wahl-Essenerin und bekennender Ruhrpott-Fan, ist es vor allem die Mentalität, die ich im Ruhrgebiet so liebe: Ehrlich, offen, direkt und mit einer guten Portion Ironie und viel Humor. Das steckt auch alles in dem Musical. Es berührt, es bringt zum Lachen, die Choreografien und Lieder reißen einen mit, es kommt nie Langeweile auf. Kurz: Man wird sehr gut unterhalten – und das ist wohl die wichtigste Grundlage für den Erfolg eines Stücks.

Welchen Bezug hatten Sie vor Ihrem Musicalengagement zu Wolfgang Petry und seiner Musik?
Um ehrlich zu sein, keinen besonders großen. Ich habe zwar tatsächlich „Die längste Single der Welt“ besessen und die lief bei unserem Schüleraustausch mit Holland 1998 rauf und runter, aber ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass seine Musik in meinen Playlists zu finden gewesen wäre. Umso positiver überrascht war ich insbesondere von den neueren Songs, zum Beispiel „Brandneu“ oder „Nichts von alledem“. Das sind wirklich schöne Lieder mit wahnsinnig tollen Texten. Und seit meinem Engagement bei „Wahnsinn!“ ist meine Playlist nun um ein paar Wolfgang-Petry-Lieder erweitert worden.

Interview: Dominik Lapp

 

Tipp | Lesen Sie bei unserem Kooperationspartner MusicalSpot.de das Darstellerprofil von Nina Janke

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze eines Onlinemagazins. Als Regisseur verantwortete er die Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie eine Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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