Joachim H. Luger (Foto: Dominik Lapp)
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Interview mit Joachim H. Luger: „Für die Bühne braucht man mehr Technik“

Ein Millionenpublikum kennt den Schauspieler Joachim H. Luger als Hans Beimer aus der TV-Serie „Lindenstraße“. Im September 2018 starb seine Rolle den Serientod, jetzt spielt Joachim H. Luger wieder mehr Theater. Aktuell ist er in Stuttgart in der Komödie „Wir sind die Neuen“ zu erleben. Im Interview spricht er über Fernseh- und Theaterarbeit, die Zusammenarbeit von Schauspieler und Regisseur, sein Faible für Komödien und den Ausstieg aus der „Lindenstraße“.

Joachim H. Luger, Sie spielen aktuell in Stuttgart in der Komödie „Wir sind die Neuen“. Es ist für Sie eine Rückkehr nach Stuttgart, weil Sie hier in der Region Ihre Schauspielausbildung absolviert haben.
Genau genommen, habe ich eine private Schauspielschule besucht, die ihren Sitz – im damals noch sehr beschaulichen – Ruit auf den Fildern hatte, und das ist mittlerweile genau 50 Jahre her. Ich hatte das Glück, schon im ersten Studienjahr kleine Rollen auf der Studiobühne des Staatstheaters Stuttgart spielen zu dürfen. Zum Beispiel in dem satirisch-politischen Stück „Die Benachrichtigung“ von Václav Havel, dem späteren Präsidenten von Tschechien. Die Premiere dieses Stückes – meine erste an einem richtigen Theater – fiel ausgerechnet auf meinen Geburtstag, den 2. Oktober. Das habe ich als gutes Omen für meine Theaterlaufbahn empfunden, und das hat sich dann auch für all die Jahrzehnte bewahrheitet.

Waren Sie in den vergangenen Jahrzehnten denn noch mal in Stuttgart?
Seltsamerweise nicht! Dabei war ich einige Male in Schwaben, nur nicht in Stuttgart selbst. Umso mehr freue mich, jetzt ausreichend Zeit zu haben, die Stadt wieder neu zu entdecken. Vor einem halben Jahrhundert ging es noch ziemlich schwäbisch-gemütlich zu in der Landeshauptstadt. Das hat sich natürlich gewaltig verändert – nicht alles zum Guten, aber doch sehr vieles, und jetzt ist es eine pulsierende, moderne Großstadt, mit all ihren Vor- und Nachteilen. Ich finde das spannend und trauere jedenfalls den alten Zeiten nicht hinterher.

Neben dem Fernsehen haben Sie parallel immer auch Theater gespielt. War es nach dem Ausstieg aus der „Lindenstraße“ eine bewusste Entscheidung, jetzt mehr Theater zu spielen? Oder denkt man nicht auch mal daran, sich zur Ruhe zu setzen?
Ich bin mittlerweile schon zehn Jahre über das gesetzliche Renteneinstiegsalter hinaus und ich habe keineswegs die Absicht aufzuhören. So lange meine „Birne“ und Knochen mitmachen und solange es mir noch Spaß macht, werde ich weiter in meinem Beruf arbeiten. Ich komme ja vom Theater, habe es zwischendurch immer gemacht und mache es auch jetzt wieder mit großem Spaß – gerade Komödie.

Wieso gerade Komödie?
Ich habe in der „Lindenstraße“ über drei Jahrzehnte einen mit Problemen beladenen Familienvater gespielt, der zuletzt an einer unheilbaren Krankheit – nämlich Parkinson – litt, was ich als ziemlich belastend empfand und was letztendlich auch der Grund für mich war, aus der „Lindenstraße“ auszusteigen. Umso mehr Spaß macht es mir jetzt, Komödie zu spielen und Leute zum Lachen zu bringen. Das ist einfach schön. Vor allem ist es schön, das direkte Feedback der Zuschauer zu bekommen. Das fehlt einem beim Fernsehen ja komplett. Wenn wir eine Folge abgedreht hatten, wurde die erst drei Monate später gesendet. Und wenn mich Leute auf diese Folge angesprochen haben, waren wir natürlich längst bei anderen Themen.

Mal abgesehen von dem direkten Feedback: Wo liegt für einen Schauspieler der größte Unterschied zwischen Fernseh- und Bühnenarbeit?
Man arbeitet mit anderen Mitteln. Es ist natürlich so, dass man am Theater einen ganzen Abend bestreitet und dafür auch den Atem haben muss. Fernsehen ist allerdings mindestens genauso anstrengend, weil man immer wieder kleine Fitzelchen spielen und sich immer wieder von vorn in die Situation begeben muss, bis eine Szene abgedreht ist. Man spielt ja beim Fernsehen meist nur zwei bis maximal drei Minuten durch, und dann ist ein Cut. Das ist natürlich eine ganz andere Technik. Auch die Mittel, die man einsetzt, sind beim Fernsehen ganz anders als am Theater. Wenn ich auf der Bühne eine große Geste mache, die Stirn runzle oder mein Gesicht verziehe, kann das im Fernsehen schon zu viel sein. Da reicht oft der Gedanke, wenn man ihn richtig denkt, um den passenden Gesichtsausdruck zu haben. Überspitzt gesagt: Macht man im Fernsehen eine Grimasse, hat man schon verloren. (lacht) Die Mittel, die ich als Schauspieler nutze, sind also unterschiedlich. Für die Bühne braucht man mehr Technik, da muss meine Stimme bis in die letzte Reihe reichen, das würde bei Fernsehaufnahmen absolut unnatürlich klingen. Wobei viele Kollegen im Fernsehen mittlerweile so privat vor sich hin nuscheln, dass man nur noch die Hälfte versteht.

Aktuell spielen Sie ja in der Komödie „Wir sind die Neuen“. Was ist das für eine Rolle, die Sie darin spielen?
Ich spiele Johannes, einen Alt-68er, der Jura studiert hat, aber letztendlich keine große Karriere als Rechtsanwalt gemacht hat, weil er sich lieber um kleine Leute gekümmert hat, die ihn schlecht bezahlt haben. Deshalb hat er eine geringe Rente und ist finanziell nicht so gut gepolstert. Seine ehemalige WG-Mitbewohnerin Anne kommt dann mit dem Vorschlag auf ihn zu, aus finanziellen Gründen noch mal eine WG zu gründen. Und so raufen sich beide mit ihrem früheren Mitbewohner Eddi zusammen und ziehen gemeinsam in eine Wohnung. Vom Typ her ist Johannes zwar etwas versponnen, aber sehr liebenswürdig. Und er ist der Erste, der letzten Endes den Kontakt zu den jungen Studenten aufnimmt, die gar nichts mit den alten Nachbarn zu tun haben wollen. Als die Studenten aber zusammenklappen und die Alten ihnen helfen, dreht sich die Stimmung.

Das klingt interessant.
Ja, das ist es auch. Ich finde, das Stück hat Höhen und Tiefen, ist komisch und anrührend und ist keine platte Komödie. Das macht es für mich sehr reizvoll und darum spiele ich es auch nach über 200 Vorstellungen immer noch sehr gerne.

Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle vorbereitet? Haben Sie den gleichnamigen Film gesehen?
Ich habe den Film gesehen, sogar mehrfach. Allerdings war das lange bevor ich die Rolle angeboten bekommen habe. Letztendlich ist unser Theaterstück eine Bearbeitung des Films. Die Filmkollegen haben das fabelhaft gespielt, aber wir müssen als Bühnenschauspieler natürlich unsere Figuren selber gestalten, auch wenn sie sich dann deutlich von der Filmfigur unterscheiden. Ich kann ja nicht irgendwas kopieren, weil ein Abklatsch grundsätzlich schiefgeht. Etwas nachzumachen, ist wohl das Schlimmste, was man in meinem Beruf tun könnte.

Wie wichtig ist dabei die Zusammenarbeit von Schauspieler und Regisseur?
Die ist sehr wichtig. Ich mag René Heinersdorff, der das Stück inszeniert hat, als Regisseur sehr gern, weil er die Schauspieler erst mal laufen lässt. Er macht Vorschläge, ich probiere es. Aber er besteht nicht darauf. Wenn ich ihm etwas anbiete, sagt er mir entweder, dass es ihm gefällt und ich es so machen soll, oder dass ich etwas Anderes versuchen soll. So eine Art der Zusammenarbeit zwischen Schauspieler und Regisseur finde ich sehr angenehm und fruchtbar. Es gibt aber natürlich auch andere Regisseure, die feste Vorgaben machen und einem Schauspieler eine Figur aufzwingen. Das kann gutgehen, wenn der Regisseur erfahren ist und die Figur selbst besser begriffen hat als der Darsteller. Aber meiner Meinung nach funktioniert das nur bei sehr wenigen, sehr guten Regisseuren. Sonst ist das eine sehr anstrengende Sache.

Ist es eine größere Herausforderung, eine Komödie oder ein Drama zu spielen?
Ich sage mal, eine Komödie ist nicht leichter als ein Drama zu spielen. Es gibt selbstverständlich Dramen, die einem Schauspieler sehr viel abverlangen, wenn es um Sterben, Elend, Gewalt oder verlorene Liebe geht. Das erfordert eine hohe Emotionalität, ganz klar. Aber eine Komödie schüttelt man auch nicht mal eben aus dem Ärmel.  Komödie ist eine Sache der Verabredung und bedeutet, dass man sehr genau auf den Punkt spielen und Kleinigkeiten herauskitzeln muss. Das ist die andere Seite der Medaille. Mir macht das großen Spaß, die Zuschauer für zwei Stunden aus ihrem Alltag herauszureißen und ihre Sorgen vergessen zu lassen. Wenn sie dann das Theater fröhlicher verlassen als sie es betreten haben, wenn das funktioniert, habe ich meine Aufgabe erfüllt.

Interview: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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