Foto: Dominik Lapp
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Interview mit Gil Mehmert: „Goethe als erster junger Popstar“

Am 4. April 2017 kommt das Musical „Goethe! Auf Liebe und Tod“ an der Folkwang Universität der Künste in Essen zur Uraufführung. Das Stück, das ursprünglich von Musical-Branchenprimus Stage Entertainment in Auftrag gegeben wurde, wird nun als so genanntes Try-out – als eine Art Versuchsballon im kleineren Rahmen – erstmals vor Publikum gespielt. Im Interview verrät Regisseur und Autor Gil Mehmert, wie aus dem Film „Goethe!“ ein Musical wurde, welche Vorteile das Musical gegenüber der Filmvorlage hat und wie sich der Entwicklungs- und Probenprozess gestaltete.

BeiGoethe! Auf Liebe und Todhandelt es sich um ein Auftragswerk von Stage Entertainment. Warum hat Stage nicht weiter an dem Stück festgehalten?
Das hat mit dem Prozess zu tun, dass Joop van den Ende seine mehrheitlichen Anteile, die er an Stage Entertainment hatte, abgegeben hat. Dadurch haben die neuen Eigner erst mal alles gestoppt, was sich an neuen Musicalstoffen in der Entwicklung befand. Die Zahlen müssen schließlich gut aussehen – und Entwicklung kostet immer Geld. Wir waren kurz vor der Workshop-Phase und sind dann in eine Art Warteschleife geraten. Jetzt machen wir in Essen sozusagen eine Off-Off-Produktion. Das kennt man ja auch von großen Musicals in New York, die erst in kleinen Spielstätten gespielt wurden, bis sie es an den Broadway geschafft haben. Somit haben wir in Essen ein Try-out und somit im Grunde ein amerikanisches System.

Warum hat man sich für das Tryout für die Essener Folkwang Universität der Künste entschieden?
Das liegt natürlich an meiner Tätigkeit hier als Professor und weil wir sowieso jedes Jahr eine Produktion machen. Der frühere Zweck einer solchen Musicalproduktion am Ende des Studiums war ja, dass die Studenten Bühnenerfahrung sammeln. Das hat sich mittlerweile erübrigt, weil sie schon während des Studiums auf der Bühne stehen und beispielsweise an Stadttheatern engagiert sind. Also war es viel interessanter, jetzt zum ersten Mal im Studiengang eine Uraufführung zu machen. Und alle sind daran beteiligt, weil jeder in dem Prozess inspirierend ist. Ich bin als Autor direkt vor Ort und die anderen Mitglieder des Kreativteams kommen natürlich auch hier vorbei – so sind alle Bestandteil des Entstehungsprozesses.

Das Musical basiert auf dem Film „Goethe!“, doch inwiefern unterscheidet es sich von der Filmvorlage?
Es unterscheidet sich schon mal, weil der Titel nicht gleich ist. Unser Musical heißt „Goethe! Auf Liebe und Tod“, der Film heißt in Deutschland „Goethe!“ und auf Englisch „Goethe in Love“. Bei der Auswahl des Titels war uns wichtig, es dramatisch klingen zu lassen, damit man nicht an den alten Goethe denkt, der ja viel gedacht hat, sondern an den jungen Goethe, der viel getan hat. Und natürlich unterscheidet sich das Musical vom Film durch die Erzählform. Wir nehmen Musik und haben einen zusammenfassenden Szenen-Rhythmus geschaffen, haben also mehrere Szenen in Kapitel komprimiert. Ich denke, das macht es gerade so spannend: Wo der Film sich viel mehr epische Breite nimmt, werden die Erzählungen im Musical enger zusammengefasst.

Sie sind nicht nur der Regisseur, sondern auch Autor des StücksWie geht man vor, wenn man das Buch für ein Bühnenstück schreibt, das auf einem Film basiert? Läuft der Film dann erst mal in Dauerschleife oder dient das Drehbuch als Grundlage? Wie sieht der Entstehungsprozess aus?
Der Film wird natürlich gesehen, allerdings nicht in Dauerschleife. Das Drehbuch dient tatsächlich als Grundlage, aber davon löst man sich sehr schnell. Wir haben zunächst mal ein Szenario geschaffen und uns Gedanken gemacht, wie wir aus 130 Filmszenen 20 Musicalszenen machen können. Es musste die Handlung also in zweimal zehn Erzählbögen aufgeteilt werden. Es galt zu sortieren und Filmszenen, die im Film völlig verstreut sind, zusammenzufassen. Daraus musste eine Erzählung werden, bei der man auch den Figuren-Rhythmus nicht außer Acht lassen durfte. Und letztendlich haben wir so genannte Songspots geschaffen. Weil es kein klassisches Buch-Musical ist, in dem viel gesprochen wird, hat jede Szene einen eigenen Song bekommen. Wir erzählen also alles in den Songs und dazwischen gibt es kleine verbindende Elemente wie Rezitative oder minimale Dialoge.

Wie groß ist die Herausforderung, einen Film auf die Bühne zu bringen? Das Publikum hat ja aufgrund des Films sicher eine entsprechende Erwartungshaltung.
Man versucht natürlich, den Geist des Films einzufangen. Und hier ist der Geist, dass wir Goethe als einen ersten jungen Popstar erleben. Das haben wir versucht, auf den Punkt zu bringen. Natürlich muss man jedoch auch überlegen, was die Qualität und der Mehrwert davon ist, eine Geschichte in eine andere Erzählform zu bringen. Und da haben wir beim Musical einen Vorteil: Was im Film der Close-up, die Nahaufnahme, ist, ist im Musical die große Ballade. Wir haben damit die Chance, uns in diesen emotional gesungenen Close-ups noch einmal vertiefender zu äußern und haben die Chance, aus kleinen Szenen richtig große Nummern zu machen. Natürlich sollen die Zuschauer, die einen Film kennen, vom Musical nicht enttäuscht werden. Vielmehr sollen sie eine neue Sichtweise, eine neue Freude an dem Stoff entdecken. Das Musical ist anders als der Film, aber es wird den Filmeindruck sicher noch einmal vertiefen.

Welchen Hintergrund hat es, dass die bekannten Musicaldarsteller Sabrina Weckerlin und Philipp Büttner für einige Vorstellungen als Gäste engagiert wurden und gemeinsam mit den Folkwang-Studenten auf der Bühne stehen?
Sabrina und Philipp waren schon im Entwicklungsprozess dabei. Sie haben ein Reading mitgemacht und haben selber solch eine Leidenschaft für den Stoff, dass sie immer wieder nachgefragt haben, wie es weitergeht mit dem Stück. Somit war für uns klar, dass wir beide Künstler an der Produktion beteiligen werden. Dazu kommt, dass es sackschwere Partien sind, die von Goethe und Lotte viel verlangen. Deshalb fanden wir es toll, diese beiden erfahrenen Musicaldarsteller zu integrieren und mit den Studenten zusammenzubringen.

Wie wird es nach dem Tryout weitergehen? SollGoethe! Auf Liebe und Todweitere Bühnen erobern?
Unbedingt. Zur Premiere kommen viele Leute aus der Musicalbranche, die das Stück sehen werden und dann natürlich auch ihr Interesse daran bekunden dürfen. Es ist also vergleichbar mit einem Stück, das in den Katalog eines Theaterverlags aufgenommen wird und dann für alle Theater zu haben ist.

Interview: Dominik Lapp

Tipp | Lesen Sie hier die Rezension zu „Goethe! Auf Liebe und Tod“

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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